Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-1/3
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 2: Juniperus, Hugideo u.a.)
[1916]
Seite: 70
(PDF, 34 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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70 Hugideo.

manch ſchlafloſe Nacht bereitete, — die Wogen der großen Völ⸗
kerſündflut ſchlugen über dem armen Gallien zuſammen — er
hörte nichts davon.
An einem nebligen Herbſtabend ſtand ſein Freund, der Sal⸗
menfiſcher, wieder vor ihm; er trug eine Hand weniger, als da
er ausgezogen, und ſonſt noch etliche namhafte Spuren von Zer⸗
hackung und Zerſäbelung, aber einen Gürtel um den Leib,
ſchwer von römiſchen Goldmünzen, und ein vornehm goldgriffig
Schwert an der Seite.
„GBei der Seele meiner Mutter! das war das ärgſte, ſeit die
Welt ſteht und bis ſie wieder untergeht!“ ſprach er ... und er⸗
zählte ihm die Völkerſchlacht auf den katalauniſchen Feldern,
wo die Alamannen auf Attilas rechtem Flügel mit Franken und
Gepiden wider des Astius Legionen gefochten. „Waffen und
Weh! König Etzels Kapp iſt zerſchnitten, ſein Mantel abgeſägt,
unſre Beſten ſind tot, was übrig blieb, hat kehrt gemacht, in
wenig Tagen kommt das Heergefolg heim... es ſteht unter⸗
wegs noch etliches zu verwüſten, ſonſt wären ſie ſchon da, wie
ich.“ L
Hugideo aber ging wieder hinüber auf ſeine Felsplatte, und
wie er jetzt nach ſeinem teuern Steinbild ſchaute, war der Mar⸗
mor roſtfleckig und eiſenfarbig überlaufen von dem aus den
Steinritzen träufenden Kalkgewäſſer. Darum nahm er's heraus
und ſtellte es auf die Mauer der Felsterraſſe und reinigte es
ſorgſam — und wie er davor ſtand und ſeinen Blick darauf haf⸗
ten ließ, als wolle er ſich ganz verſenken in die Pracht der Züge,
da ward ihm plötzlich, als ob dies Haupt voll ſtiller Majeſtät
auch zu ihm herüberblicke mit beſeelten Augen, ein ſeliger
Schauer zog durch des einſamen Mannes Herz und er drückte
einen Kuß auf die ſteinerne Stirn. Da wich die Büſte von dem
Mauerrand und ſtürzte hinab, ſchlug an die Felskanten auf,
ohne zu zerſchellen, ziſchte in die Rheinflut und verſank ...
Lange blickte ihr Hugideo nach, bis daß die letzten Waſſer⸗
ringe auf dem Spiegel der Wellen zerronnen waren, dann
lächelte er vor ſich hin, ging in ſeine Klauſe hinüber, griff
Schaufel und Hacken und grub ein Grab am Abhang ſeines


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