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Hugideo. 71
Berges — ſeitwärts von der Rheingeſtrandeten gemeinſamen
Ruheſtatt.
Wie er aber nach vollendeter Arbeit wieder zur Klauſe heim⸗
gelehrt war, kam plötzlich ein Gedanke über ihn, als habe er
etwas zu tun vergeſſen — „noch etwas,“ ſprach er, „noch et⸗
was!... Wie ſteht geſchrieben in dem Liederbuch, deſſen Sprache
ſie mich einſt gelehrt?
„Te spectem, suprema mihi cum venerit hora,
te teneam moriens deficiente manu...“
Und er ſtieg abermals hinab und grub ein zweites Grab
neben das erſte. Und ſeine Arbeit dauerte bis tief in die Nacht
hinein. L
Wie er müde und ſpät ſeinen Berg hinaufſtieg, ſtand ein
greller Feuerſchein am ſüdlichen Hhimmel und die Röte nahm
nicht ab die ganze Nacht hindurch. Hugideo aber ſchritt unruhig
auf ſeinem Fels auf und nieder, als ſcheuchten ihn alte Erinne⸗
rungen, er ſpähte und ſpähte durch den Schimmer der Nacht
und ſprach haſtige, abgeriſſene Worte vor ſich hin, und ſein Herz
klopfte beim fernen Feuergefunk.
Es waren die Flammen von Auguſta Rauracorum, der rei⸗
chen, hochberühmten Römerkolonie, die Munatius Plancus einſt
als Vormauer gegen die Alamannen unweit Baſel am Rheines⸗
ufer gegründet, prächtig in Tempeln, Waſſerleitungen und
Theatern, aber dem beutehungrigen Grenznachbar wie ein ver⸗
lockendes Schaugericht vor Augen geſtellt und jetzo dem Unter⸗
gang verfallen.
Der hochaufſchlagende Feuerſchein zeigte, daß die von den
katalauniſchen Feldern heimkehrenden Alamannenſcharen ihren
Rückweg dort vorüber genommen.
Frühmorgens kam Nebi, der Fiſcher. „Habt Ihr geſehen?“
ſprach er. „Wieder ein Städtlein weniger und ein Trümmer⸗
haufen mehr:! Augſt, was taugſt?..“ er blies über die hohle
Hand weg . . . „Waffen und Weh! Waffen und Weh! Nehmt
Eure Schaufel und kommt, es gibt Arbeit!“
In der Bucht des Rheines auf dem weißen ſchimmernden
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