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72 Hugideo.
Uferſande lag angeländet einer Jungfrau Leiche, die weiße rö⸗
miſche Tunica waſſerſchwer um die ſchlanken Glieder geſchmiegt,
das Haar in Flechten über den ſtolzen Nacken wallend, die Stirn
von goldenem Reif umfaßt. Unter der linken Bruſt klaffte ein
leiſer Riß im Gewand, wie vom Stich einer ſchneidigen Waffe.
„Merkwürdig,“ ſprach Nebi, der Fiſcher, „wie die blaſſe
Maid dem Marmorbilde gleicht, das Ihr auf dem Berg droben
aufgeſtellt.“
„Ja wohl .. . mertwürdig!“ 1“ ſprach Hugideo. Lang und
ſtarr ſtand er vor der Leiche ..
„Te spectem, suprema mihi cum venerit hora,
te teneam moriens deficiente manu.“
Er hob ſie empor und trug ſie mit ſtarkem Arm den Berg
hinauf.
„Was habt Ihr geſagt, Hugideo? halt an, Hugideo! wohin,
Hugideo?“ rief Nebi, der Fiſcher, und ließ erſtaunt ſeine Schau⸗
fel fallen. „Die Gräber ſtehen ja dort zur Rechten.“
„Begrabe ſie heut nacht!“ ſprach Hugideo. L
Und er trug ſie hinauf in ſeine Klauſe und ſetzte ſie ſorgſam
auf die ſteingehauene Bank der Zelle und ſetzte ſich ihr gegen⸗
über und hielt ſchweigend Totenwache und flocht vom Efeu, das
den Fels umrankte, zwei Kränze und ſchmückte das Haupt der
Leiche und ſein eigenes damit und füllte ſich einen Becher Wei⸗
nes und nickte ihr zu, da er ihn leerte, und wich nicht mehr
von ihr.
Um Mitternacht aber trug er ſie hinab, wo die zwei Gräber,
von ſeiner Hand aufgeworfen, zum Empfang gerüſtet ſtanden,
und ſenkte ſie ein und warf drei Schollen alamanniſcher Erde
als letzten Gruß auf die tote Römerin und begrub ſie in einſa⸗
mer Stille der Mondnacht und wälzte einen Stein auf das
Grab. Dann ging er zu des Fiſchers Hütte und rief hinein: „'s
iſt beſorgt, alter Schaufelbruder, und der Ruheplatz neben ihr
iſt für mich, merk' dir's!“
Den folgenden Tag trug der Rhein manchen ans Ufer, an
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