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Hugideo. 73
deſſen Leichnam der Mauerkampf und Fall und Mordbrand
von Auguſta Rauracorum mit blutigen Zügen geſchriebenſtand.
„Auch du, Junius Meſſianus, alter Baumeiſter, Freund
und Lehrer!“ ſprach Hugideo, da ſie einen ehrwürdigen, wun⸗
denbedeckten Graukopf aus den Fluten zogen.
Aber bei einem Anblick ſchütterte er zuſammen: ein trotzig
keckes, axthiebdurchfurchtes Männerhaupt tauchte auf, ungerührt
zog Nebi, der Fiſcher, mit langem Schiffshaken den Toten ans
Land, Rüſtung und Schmuck zeigtendie Leiche eines Centurioder
zweiundzwanzigſten Legion, der primigenia pia fidelis, noch
hing im Gürtel ſein zweiſchneidiger Dolch.
Da flog ein höhniſch Lächeln über Hugideos Antlitz, er löſte
die reichgeſchmückte Waffe vom Gürtel des Toten und beſchaute
ſie lange — ein großer Onyx prangte im Griff, „kortes adjuvat
ipsa Venus“ ſtand um das fein geſchnittene Bildwerk geſchrie⸗
ben.
Hugideo ſteckte den Dolch zu ſich und ſprach grimmig zum
Fiſcher: „Alle hier! ... nur dieſen nicht!“
Und ſie ſchleiften den Erſchlagenen an ſeinem dunkeln, ſtellen⸗
weiſe brandverſengten Lockenhaar in den Nachen, verdeckten ihn
mit übergeworfenen Netzen, fuhren ihn weit von dannen aus
der Bucht in den reißenden Talweg des Rheines und warfen ihn
ohne Segen und Fahrwohl wieder in die Fluten, auf daß er
landabſchwimme, weit, weit aus ihrem Revier.
„Es iſt gut!“ ſprach Hugideo. Dann fuhren ſie heim. „Schau
morgen früh ein wenig bei mir nach,“ rief er zum Abſchied
dem Fiſcher zu.
Wie Nebi, der Salmenfiſcher, des nächſten Morgens zu Hu⸗
gideos Klauſe kam, ſaß der aufrecht auf der Steinbank und hatte
ſich den Dolch des Centurio durchs Herz gerannt, daß er bis
zum Griff im Körper haftete; ein ſtolzes Lächeln ſchwebte um
ſeine Lippen.
Da begrub ihn der Fiſcher an der Seite der Jungfrau, die
der Rhein gebracht.
Die Tote hieß Benigna Serena und war die Tochter des Aſi⸗
nius Abundantius, eines reichen, vornehmen Mannes und kai⸗
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