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Bergpſalmen.
„Lange hab' ich nicht Umſchau gehalten,
Ließ wuchern und wachſen das Menſchengewächs
Wie die Sträucher des Waldes, nebeneinand
Gut und bös.
Nun gehn meine Wege im Wetter und Sturm,
Nun iſt mein Wille, ein Zeichen zu geben,
Das die Spreu gemahnet, daß ſie nur Spreu iſt,
Das den faul und brüchig Gewordnen im Geiſt
Den Meiſter weiſt.
Und wie ich über den Bergwald itzt brauſe,
Den Bäumen unhold,
Alte entwurzelnd, junge im Wipfel
Schüttelnd und knickend, daß ſie erächzen,
Alſo ereile ich draußen die Lande,
Will ihre Städte und Märkte umpfeifen,
Und manch ein wohlumſchuppt Gotteshausdach
Trotz ſorglich gepflegten Gebets und Geſangs
Und ewigen Lichts
Soll ſich ein Schindelgewirbel erheben,
Der Wohnſitze Grundfeſten ſollen erſchüttern,
Daß der Zechtiſch erdröhnt und hoch vom Geſims
Der Becher dem Zecher aufs Haupt ſtürzt.
Keine Ruh' ſei vergönnt zu nachtſchlafender Zeit;
Wer minnebegehrſam zur Liegerſtatt ſchleicht,
Dem entſchwanke, im Fußgeſtell zitternd, ſein Bett
Und verleid' ihm die nächtigen Spiele.
Gewäſſer und Ströme will ich durchfurchen,
Daß die Schiffe von jäh ſich aufkräuſenden Wellen
Brandend zerworfen in Splitter zerſchellen.
Heimſuchung komm' über Hütte und Haus!
Heimſuchung komm' über Burgen und Feſten!
In Wolken lagernd erſchau ich der Wälle
Umerkerte Türme, Trunkenen gleich,
Sich wiegen, ſich biegen
Und endlich mit dumpfem, ſterbſeufzendem Krach
Hinſinken in trockenen Graben.
Dicht hebt ſich um die Geborſtenen dann
Wie aus jäh aufplatzendem Hexenſchwamm
Erſtickend Gewölk
Von Trümmergeſtäub,
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