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Bergpſalmen.
Von Mehl, das der Wurm im Gebälke ernagt,
Von morſchendem Moder und Schwaden.
In die Lüfte zerſtieben ſeh' ich den Qualm,
Seh' alles erbeben, zerbrechen und fallen
Und gräme mich nicht!
Die Lande durchſchütternd ſchwing' ich mich weiter,
Starkfröhlich und heiter,
Ich, der Herr!“
Nebel.
Herr, meine Seele ſchwebt in Bangnis,
Nachtgrauen umfängt ſie;
In finſteren Klüften ſchier allzu lang niſtend,
Ward ſie des Lebens mildwärmendem Licht
Nahezu fremd.
Herr, ſchirme mich!
Umtrübt von der Einſamkeit freſſendem Roſt
Ruf' ich zu dir um Stärkung und Troſt,
Denn furchtſam zur Höhle ſich bergend Verzagen
Ziert nimmer den Mann,
Der dir zu dienen Gelöbnis getan.
Was heiſcht ihr von mir,
Die ihr geſpenſtig dem Seegrund entſtiegt
Und froſtgrau des Klausners Aſyl überfliegt,
Bleiches, weiches,
Schweifendes, ſtreifendes,
Irrendes, ſchwirrendes
Nebelgezücht?
Herr, lehre mich beten im Dämmerſchein;
Der Waldnacht Phantasmen ſtellen ſich ein
Mit unheimlicher Pein.
Lehre mich beten dein eigen Gebet,
Das du, die Erde beſchreitend gleich uns,
Als Meiſter vom Berg deine Schüler gelehrt;
Wehe! die angſtgeſchüttelte Seele
Weiß deine Worte kaum mehr zu ſammeln,
Kaum die eine Bitte noch weiß ſie zu ſtammeln:
„Führe uns nicht in Verſuchung!“
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