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S
Bergpſalmen. 81
Sieh das Gewölk!
Sonnenfeindliche Schleiergeſtalten
Recken und ſtrecken empor ſich vom See,
Durchhuſchen den Tann und durchhuſchen die Halden
Und fliehen und ziehn,
Als ob ſie mich ſuchten, herauf nach der Schlucht.
Hinweg, hinweg, feuchtdunſtiger Dampf,
Von Finſternisgeiſtern zu finſterer Kurzweil
Den Guten ins Antlitz geblaſen!
Bänglich umfaß' ich den Holzſtamm des Kreuzes.
Seele, was ſinnſt du?
Sie ſinnt ob dem Heimweh der Einſamkeit.
Was Narrheit, denkt ſie, hat mich vertört,
Der Wildnis Entbehrung zugekehrt,
Schier jeglichem fern, das Ergötzen gewährt?
O Regensburg, ſegens⸗ und fluchwerte Stadt,
Hatt' ich dort nicht, was Gott und den Menſchen genehm?
Hatt' ich nicht meinen herrlich erbauten Palaſt,
Meinen prangenden Hof, meiner Dienſtmannen Schar,
Meine ſtattlichen Reiter und Ritter?
Stand die Inful nicht ſchön dem ergrauenden Haupt?
War ich, ihr Träger, nicht höchlich geehrt,
Herzogen gleich, Königen Freund,
Dem Kaiſer ein oftmal erbetener Rat?
Was ſäum' ich, was ſäum' ich, zurück mich zu wenden,
Zurück in die Welt, in die ſchimmernde Pracht,
Die der Starke beherrſcht mit des Geiſtes Macht
Und die nur der Schwache verachtet?...
Weh! immer dichter ſchart ſich's zuſammen;
Hält heute der Nebelmann Tanz in den Wolken
Mit der Nebelfrau und dem ganzen Geſind?
Was kocht ihm der Haſe, was braut ihm der Fuchs?
Sieh das Gewölk! G
Regengrau faßt es den Falkenbergforſt,
Nicht leis ihn verhüllend,
Ganz ihn erfüllend
Mit dickem, geſpenſtig unheimlichem Qualm.
Sie kriechen und ſchleichen wie liſtige Feinde
Die Halden entlang;
ſcheffel. II. 6
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