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Bergpſalmen. 85
Ein Eichſtamm, rauh, wie das Beil ihn gefällt,
Freihändig geſchnitzt und ausgeſpellt,
Beſargendem Totenbaum gleich an Geſtalt,
So liegt unſer Schifflein im Hafen.
Kein Maſt, kein Steuer, kein Standbild am Kiel,
Kein prunkend Spiel
Von eherner Zierat, von Borden und Zinnen
Schmeichelt den Sinnen.
Ein gröblicher Baſtſtrick von Weidengeflecht
Iſt als Schlinge dem gröblichen Ruder gerecht.
Sei gegrüßt mir, einſamer Aberſee!
Spärlich umwohnter, ſpärlich befahrner,
Hochwaldumkrönter, in düſterem Schein
Der Tannen düſter Gewipfel erſpiegelnd:
Sei gegrüßt mir, See! Ich fühle mit dir,
Wie die Flut, jungfräulich ſich ſträubend, erbebt,
Daß ein fremder Mann
Sie dienſtbar ſich macht aus beherrſchendem Kahn.
Noch ſind wir Menſchen dir ſeltene Gäſte,
Noch kennt uns kaum deiner Wälder Gewild,
Und weil es uns nicht kennt,
Scheut es uns nicht.
Brütend ſitzt in des Felsufers Spalt
Die Taucherente,
Bleibt unbeirrt ſitzen und flattert nicht auf,
Kaum dreht ſie den dummen beſchopften Kopf
Vornehm nach dem Schiffer.
Sing deinen Lobſang, Falkenſchluchtklausner,
Rudre und ſing ihn, daß laut er erſchalle,
Daß er den Unſichtbaren gefalle,
Die den See umſchweben als Geiſter des Orts,
Ungewohnt menſchlicher Stimme.
Hoſianna!
Dank ſei dem Herrn!
Ihm, der mich reicher und mächt'ger hier macht
Als drunten, gehüllt in den Goldbrokat,
Von ſchlepptragungwilligen Dienern umſchwärmt,
Gedrückt von des Hirtenamts Sorgen.
Und trüg' auch mein Krummſtab verdreifacht Gewalt,
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