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Bergpſalmen. 89
Leiſe erheben ſich duftfeine Wölklein,
Wallend und webend,
Gaukelnd und ſchwebend,
Als des ewigen Schnees von der Sonne geweckte
Luftige Träume zum Ather empor.
Und als ein feinſter durchſichtigſter Schleier
Umzittern ſie, flatternd im himmliſchen Blau,
Des Bergesuralten weißehrwürdig Haupt.
Tiefer im Raum,
Wo von ſelten erſtiegenen Gipfeln herab
Schluchten ſich weiten zu Tale,
Siehe, da tritt in fremdneuer Geſtalt
Der Schnee, der ewige, zutage:
Von Waſſer durchträuft,
Von der Sonne mit ſchmelzendem Hauche beleckt
Und wieder von Nachtkälte frierend geſtreckt,
Wandelt er ganz ſich zu Eiſe.
Prunkvoll und feſt, einem Harniſch gleich,
Einem glänzenden Harniſch von edlem Metall,
Spreitet des Ferners kriſtallener Schwall
Um des Bergrieſen Bruſt ſich und Rücken.
Er gemahnte mich an ein verzaubertes Meer,
Das im Sturmgewog
Von eines Gewalt'gen gewaltigem Anhauch
Wie mit magiſchem Schlage erſtarrt ward:
Statt ſchäumend ſich bäumenden Wechſels der Wogen
Kommt's mit Blöcken und Riffen zu Tale gezogen,
Ein abenteuerlich krauſes Geflirr
Von Spitzen und Nadeln und Zackengewirr.
Statt Flutenhebung und Senkung erklafft's
Mit Schrunden und Tiefen und grimmigem Spalt.
Weh dem ſteigenden Mann, der hinabſinkt!
Dort galt's. Der Alpſpeer half waglichem Sprung.
Über Riſſe und Spalten bin ich gedrungen,
Dem Bergmann gleich, den forſchender Trieb
Hinunter treibt in die Schachte.
Fürwahr, die Wandrung war ſchlüpfrig und glatt.
Der Bergwaſſer milchweißen Abſtrom verfolgend,
Fand ich bald einen Ort,
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