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Bergpſalmen.
Wo das Eis, geborſten in gähnender Kluft,
Zutritt gewährte der Neugier.
Eintrat ich und ſtund in kriſtallenem Dom.
Hoch wölbte ſich drin, dem Erſtaunten zu Haupt,
Ein Kuppelgewölb
Von reinſter durchſichtigſter Klarheit;
Wie Regenbogen und ſchimmernder Tau
In wechſelnden Farben erſpielend, vom Blau
Des lichten Azurs bis zu rötlichem Schein:
So hoben ſich leuchtend durchleuchtet die Wände.
„Steh, Falkenſchluchtklausner, und falte die Hände,“
Sprach ich leiſe zu mir,
„Ein wunderſamer gefeiter Gebild
Haſt du, ſoweit du des Erdballs Rätſeln
Beſpähend nachgingſt,
Erwandert nicht, noch erritten.“
Und ich ſtand, nicht erſtarrt, nur kühlfriſch behaucht,
In des Widerſtrahls bläulichen Flimmer getaucht,
Wie ein Längſtverſtorbener einſam im Eis.
Tiefunten entſtrömten die Bäche mit Rauſchen
Und fernem Getös,
Doch um mich klang plätſchernd einſilbiger Auffall
Der deckeentträufenden Tropfen.
Mählich, bei tropfendem Rauſchen und Rinnen
In der Eisſpalte innen,
Beflog mir die Seele ein ſeltſames Sinnen,
Das Auge verlor ſich in bläulichem Glanz.
Mir ward, als ſchwebten in wallendem Tanz
Geſtalten, kaum ſichtbar, ſpaltauf und ſpaltnieder,
Eisjungfrauen. Ich vernahm ihre Lieder:
„Wir ſind die alten, die kalten, die bleichen,
Hauſen in ſtummen, kriſtallenen Reichen,
Komm und erlös uns, Muſpilli.
Urzeitnotwendigkeit hat's einſt geordnet,
Daß wir mit des Eiſes erhaltender Kraft
Am Wachstum der werdenden Erde geſchafft,
Auf daß für der Zukunft kampfliche Werke
Im Harniſch ſchlummernd die Kräfte ſie ſtärke.
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