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Bergpſalmen. 91
Gebrochen iſt längſt unſre Macht, unſer Recht;
Ein entthrontes, nicht mehr gekanntes Geſchlecht
Sind wir, die einſt auch die Flächen beherrſcht,
Herauf in die Wildnis geflüchtet.
Hier wirken und ſpielen die letzten von uns
Inn ſchwer zugänglicher Höhen Aſyl
Ihr uralt eisbildend Tagwerk und Spiel,
Auf daß ein weniges bleibe als Mal,
Als Zeugnis und Gleichnis entſchmolzener Zeit.
Erkenne, o Menſch,
Der du, verflogenem Schrathuhn gleich,
Zu uns dich verirrt:
Daß euer Geſchlecht gedeihe heran,
Hat das unſere einſt ſeine Arbeit getan,
Und nicht ohne Neid
Sehn wir euch ſchalten, bald wild, bald mild,
Sehen euch lachen und weinen und lieben
Im eisbefreiten umgrünten Gefild.
Nun hebe dich weiter, ſterblicher Mann,
Verweile nicht ſtaunig in unſerem Bann,
Beſeelter Odem iſt Gluthauch für uns.
Mehr denn wir giltſt du in der Welt,
Solange dein Herz ſich zu Gott gekehrt hält.“
... So aus erblauender Schründe Geheimnis
Summte die leiſe, fremdſeltene Weiſe.
Frierend fror Froſt durch das Loden der Kutte,
Des Rückzugs dacht' ich, unheilbeſorgt.
Fürwahr, es tat not, zu ſputen den Schritt,
Denn auf den Kanten der ſchneeigen Wächte,
Wo ſie die Bergwand ſchief überragen,
Einem Schildrand vergleichbar, ſilberbeſchlagen,
Hatte mit ſtreifendem Anſchlag der Flügel
Glatthingewehten, feinkörnigen Firnſtaub
Ein Adler zerwirbelt und abgelöſt.
An den ſinkenden Abrutſch drängte ſich pfeilſchnell
Flocke um Flocke, Körnlein um Korn;
Schwellend erwuchſen die Maſſen zu Stäubchen,
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