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Bergpfalmen.
Rollten und rauſchten, brachen ſich Bahn,
Wälzten in Kluft ſich und Spalten voran
Und toſten, ein ſtiebender Gießbachfall,
In trockenem, windsbrautgetragenem Schwall,
Durchſchimmert von ſonnigem Strahle
Als Staublawinen zu Tale. G
Polternd umkrachte ihr Abſturz das Hochland,
Krachte und lachte, die Schluchten durchſchütternd,
Siebenfältig im Wiederhall —
Grollte und rollte
Dumpf und dumpfer —
Sprang — und verklang.
Mich aber hüteten ſchirmende Heil'ge,
Unzerdrückt entkam ich. Und ſiehe,
Eh' ich den fliehenden Rücken gekehrt
Der farbenſchimmernden Feienpracht
Und all den Gefahren des Eismeers,
Trat durch geheime Gedankenverkettung
Ein ander Bild aus anderer Heimat
Erxinnerungsfriſch vor die Seele:
Eines Kindes Antlitz winkte mir wieder,
Das ich einſt auf dem Arm der ſäugenden Mutter
Zu Regensburg ſchaute im Münſter.
Verklungen war damals der Antiphon
Sonntäglicher Veſper, Orgel und Schall;
Pſalterzuklappend hob ſich im Chor
Der Domherrn Schar und bewegte ſich heimwärts;
Ich aber als Biſchof und Oberhirt
Schritt weihbrunnſprengend und ſegnend den Hauptgang
Des Langſchiffs hinab zum Portale.
Dort im Schatten vielgliedriger Säulen
Kniete ein ſchmucklos Weib aus dem Volk,
Ihr Kind auf dem Arm.
Und ſiehe! das Kind, die Händlein gefaltet,
Schaute mich an, zweimal und dreimal,
Und lächelte mild ... es ſchwang ſich ſein Blick
Aus grundklarer Tiefe der jungen Seele
Schweigend beredt in die meine.
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