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Bergpſalmen.
Bricht ſchlafenden Männern den Schlummer.
Auf, Siedelgenoſſen, und räumet die Schlucht,
An des Aberſees wettergeſchützterer Bucht
Suchen wir Bergung und Obdach.
Das war's, was geſtern der Himmel uns wies.
Unheimlich Gewölk, grauſchwärzlich und dicht,
Ballte und knaulte ſich feſt ob dem See
Und wich nicht mehr. L
Und was der Windmonat ſelten uns bringt,
Was ſonſt nur des Sommertags Schwüle gelingt,
Ein ſpät Gewitter, ein Schneegewitter,
Entlud ſich daraus.
Das war's, was der Wolken blaufeuriges Leuchten:
Kaltſchimmernd ſie glaſtig durchhüpfender Blitz,
Der nirgend gezündet,
Das war's, was der rollende Donner verkündet:
König Winter fiel in das Alpenreich ein
Und ſchüttet mit allfreigebiger Hand
Frau Holdas Flocken auf Triften und Land.
Wie anders denn geſtern in herbſtgoldnem Schein
Schaut heute Hochland und Ferne darein!
Derweil wir ſchliefen, iſt Unfug geſchehn.
Iſt's erlaubt, Herr heimlich gekommener Gaſt,
In einer Nacht eine ſolche Laſt
Vor unſere Türe zu blaſen und wehn?
So kniehoch gehäuft und getürmt iſt der Guß,
Daß Schaufel und Hacke geſchwungen ſein muß,
Bis vor der Klauſe Beſtand wird dem Fuß.
Hei, Berge und Tal, verwandeltes Bild!
Im Tannenwald, der unſere Felsſchlucht umſäumt,
Hat jedes einzelnen Baumes Stamm
Ein neu Gewand um die Uſte gelegt.
Eisumnadelt, beſchleiert und weiß
Blinkt, fein überhaucht von ſtrahligem Reif,
Ihr ſonſtig finſtergrün Dunkel.
Begraben ſeufzt die entblümte Alm,
Vereinſamt ſtrebt nur ein ſchlankerer Halm,
Ein höher Geſträuch L
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