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Bergpſalmen. 95
Aus ſtarrer Todesumhüllung empor
Und wiegt ſich frierend im Wind.
Und du, o See,
Der uns, die Waldnacht durchſchimmernd, ſo oft
Mit deines Spiegels Smaragdſchein gelabt,
Was geſchah mit dir?
Unwillig, einem Verdroſſenen gleich,
Als wolle erlöſchend für immer zergehn
Deines Auges ſeelenvoll feuchter Glanz,
Starrſt matt du herauf, grauſchmutzig und trüb,
Und weigerſt uns ganz
Den Anblick jenſeitiger Gipfel.
Sind ſie entflohen, ſind ſie verſunken
Die ſteilen Häupter, die ſtrengen Herrn:
Der Sperber, die Bleechwand, der Rettenkogl,
Das Hohefeld und die andern all? Ich ſehe ſie nicht.
Als Antwort pfeift dem fragenden Mann
Ein dicht Geſtöber, ein Flockenſturm,
Feinkalt um das Haupt
Und ſcheucht ihn zurück in die Klauſe.
Hei, wie das wettert und windet und ſtürmt!
Durch Luken und Ritzen des Häusleins weht
Feinrieſelnd und ſchneidig das eiſige Korn.
Das Dach erknarrt. Tag ſchwindet in Nacht,
Schwerfinſter Gewölk, vom Winde gefacht,
Drängt abwärts zum See:
Es wird ihm die Fluten erſticken mit Schnee,
Es wird den Heitern zerdrücken.
Ihr Freunde, nun iſt unſre Stunde gekommen.
Nun ſonder Säumen den Abſchied genommen
Von dem, was hier oben uns freute!
Wir trotzen ihm nicht, dem gewaltigen Dränger,
Der Kluge gibt nach.
Schon lange vor uns hat der Alpenſenn
Mit fettgeweideter Rinderſchar
Die Höhen geräumt...
Auch er trat ungern die Talfahrt an,
Des Alphorns Reigen, der Heerkuh Geläut
Klang minder froh denn im Frühling.
Auf, reibet die frierenden Hände euch warm
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