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Vorwort.
Seltſamer Genius unſres Jahrhunderts:
Der eine verwünſcht es, der andre bewundert's.
Im Lenz geht der Flurgang, um Ernte zu beten,
Im Sommer der Spurgang der Stahlrohrlafetten;
Die Starken, Geſunden hauen ſich Wunden,
Die Schwächeren eilen, ſie pflegend zu heilen,
Und jeder plagt ſich, zerwetzt und zerfetzt
Im Daſeinskampf, wie von Wölfen gehetzt,
Kaum eingedenk, daß der Weltengeiſt
Dem Denken auch ſanftere Bahnen weiſt
Und daß, trotz Mammon, Kriegsehrgeiz und Spott,
Das Beſte bleibt: Frieden in ſich und in Gott!
Vergönnt, daß ich heute von Waldfreund erzähle,
Dem Mann mit der kindlich beſcheidenen Seele,
Deß erſten Strichen und Zwickbuchgedanken
Die Einſamkeitblätter ihr Daſein danken.
Er war eine ehrliche, biedere Haut,
Erfahren im Zeichnen, den Muſen vertraut,
Von findigem Sinn, ein Charakter wie Gold
Und der grünen Farbe vor allem hold,
In des Staatsdienſt hierarchiſch geſtufter Schar
Verzeichnet als Forſtamts⸗Aktuar.
Im Vorland der Alpen lag ſein Bezirk,
Sein Amtsſitz idylliſch gelehnt ans Gebirg;
Gern weilte mit ihm, des Haushalts pflegend,
Sein Mütterlein in der einſamen Gegend.
Das Volk ſprach, es hauſe im Berg drin ein Zwerg
Und hieß drum ſein Forſthaus „Schratimberg“.
Dort lebte er eifrig dem Forſtmannberuf,
Der täglich neue Freuden ihm ſchuf,
Und war ſich eigentlich ſelber nicht klar,
Daß er ein Künſtler im Lodenrock war,
Der, wie Adalbert Stifter, den Stift in der Hand,
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