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Waldeinſamkeit.
Den feinſten Wildhonig im Heimatwald fand.
Denn allzeit, wohin ihn ein Dienſtgang verſchlug,
Im Büchſenranzen und Rückſack trug
Bei Pulver und Blei er auf Schritt und Tritt
In Leinwand gebunden ein Skizzenbuch mit.
Und wo ein landſchaftlich ſchönes Motiv
Den Trieb der Nachbildung wach in ihm rief,
Da ward's, wie er ſprach, „der Natur abgeſpickt
Und abgeriſſen und abgezwickt“.
Gewiſſenhaft trug er's dem Skizzenbuch ein
Und nannte dieſes ſein Zwickbüchlein.
In Winterzeit, im traulichen Heim,
Erſann er zum Bild den erläuternden Reim.
Als nun dem Guten die Stunde genaht,
Die jeglichem ſchlägt auf dem Lebenspfad,
Wo Minnewirrwarr und träumend Verlangen
Spannkräftig das ſehnende Herz umfangen,
Als die Linden blühten mit duftigſtem Ruch,
Kam zur Sommerfriſche ein Hauptſtadtbeſuch;
Es nahm in der gaſtlichen Mühle Quartier
Beim Birkengeheg in Waldfreunds Revier
Ein Rektor, weit als Gelehrter bekannt,
Mit Tochter, Wilhelmina genannt.
Die war ganz ein echtes Hauptſtadtkind,
Ein Wildfang, pikant, ſehr weltlich geſinnt,
Schier ein wenig frivol — ſprach gebildet, ſprach fein,
Auch manchmal kräftig ins Blaue hinein.
Aber wenn grazios ihre Scherze ſie machte,
So recht von Herzensgrunds Tiefe auflachte
Und den blonden Schwall des Gelocks rückſtrich,
Dacht' mancher herzklopfend an „Du“ und an „Ich“.
Als der Forſtwart zum ſtadtfeinen Fräulein ſich fand,
Leis unbewußt Neigung zu Neigung entſtand,
Die äußerte ſich, ein magnetiſcher Fluch,
Anziehend, abſtoßend im Widerſpruch.
Zwar wollten ſie täglich nicht viel ſich entbehren,
Doch viel an ſich meiſtern, belehren, bekehren;
Und als der Urlaub zur Endung kam,
Ihr Geplauder kritiſche Wendung nahm.
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