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Waldeinſamkeit.
Heiß naht der Mittag; in ſchwüler Ruh
Deckt welkes Laub ein alt Jagdſchloß zu,
Dann Gewittertoben, deß ſchwerer Gang
Im Windbruch ſich zeigt den Tannberg entlang;
Felsöde Unwirtlichkeit, rauh und wild,
Mildert wildblühenden Roſenſtrauchs Bild;
Vor der Sonne Untergang wütet ein Brand ...
Ihre letzten Strahlen vergolden das Land,
Und das Reh zieht zur Ruhe... zum Abendſterne
Tönt klagender Unkenruf in der Ferne,
Und des Holzhauers Axt ſtört die Mitternacht,
Die dem Wanderer Nachtruhe im Moos hat gebracht.
Nun weckt die Sonne am zweiten Tag
Bei der Waldmühle höheren Herzensſchlag,
Und getröſtet kehrt, hoffend auf Minne und Glück,
Zu Schratimbergs traulichem Heim er zurück.
Nach Lieblichem Rauhes, Bewegung nach Ruh,
Der Tagzeit entſprechend Lichtwirkung dazu,
Sei jegliches Bild mit begleitendem Wort
Als ein Ton in der Gegenſätze Akkord
Zum Ganzen gereiht!...“
L L So war es geplant.
So kundet's im Zwickbuch ein Durcheinand
Von Skizzen, Entwürfen und Strichen in Stift,
Notizen, Gedanken und Verſeſchrift.
Hier Studien von Bäumen, Waldinn'rem und Rohr —
Dort bricht wie ein Springquell die Dichtung hervor
Dem Gegenſtand gleich, bald phantaſtiſch in Form,
Bald lyriſch und weich, den Klingreim als Norm.
In dieſer Art Schaffens ein Zauber ruht,
Weil die friedliche Streitfrage auf ſich tut:
„Sind die Bilder der Dichtung Illuſtration?
Gab der Maler dem Dichter die Inſpiration?...“
Vielleicht daß ein Späterer, melodiſch beſchwingt,
Die Waldfreundſtimmung in Noten noch bringt.
Doch entſcheidet nun ſelber, die Blätter zur Hand,
Und vernehmt, was geſchrieben im Zwickbuche ſtand.
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