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Waldeinſamkeit.
Und der Torf überdeckte das Pfahlbaudorf
Und das Rieſengetier und den Jäger mit ihm,
Der von ungefügem Bogen dereinſt
Die Feuerſteinpfeile entſandte.
Auch der Biber fehlt, der biedre Kumpan,
Der Holzarchitekt mit dem nagenden Zahn,
Ohne Nachwuchs verſchwand das Eiſen des Walds,
Die Eiche, verſchwanden die Buchen mit ihr
Und alles hochſtammige Laubholz. .
Nun wuchert das Schilfrohr, nun filzt ſich das Moos
Und die raſenbildende Binſe;
Zypergräſer mit flockigem Halm L
Und Namen — wer hat die Botanik noch los? —
Sphagnum und Hypnum und Carex auch
Seh ich verkörpert hier wuchern.
Als Abart ferner Vergangenheit,
Da ihr Geſchlecht noch ein großes war
Und hohes Geſchlecht,
Steht nieder geformt, verkümmert und bleich,
Dem Sumpfe zunächſt, mit Binſen gemiſcht,
Ein Rundkreis von Schachtelhalmen.
Die trugen dereinſt in baumhoher Kraft
Den ſchlanken, kolbengezierten Schaft
Und ſpiegelten, Farren und Palmen geſellt,
Die erhabenen Häupter im Frühlicht der Welt
In des Urmeers ſeichten Lagunen ...
Jetzt ſcheuert labſpendend die Wirtin damit
Das Zinn am Deckel der Krüglein.
.. . Genug der Gedanken! Ein ſchallender Ruf
Und ein Flügelrauſchen verkündet von fern
Der Wildenten Strich ob den Wäſſern.
Keilförmig geſpitzt, einer Heerordnung gleich,
Den Führer voran, bewegt ſich der Zug
Vorſichtig die Lüfte durchſpähend.
Nur zu, nur zu! fallet luſtig ins Moor!
's iſt Schonzeit im Mai, es geſchieht euch kein Leid.
Im Winter, wenn alles weiß liegt verſchneit
Sitz ich drüben hinter dem Entenſchirm,
Ein Schneemann ſelber, ein Hemd ob dem Rock,
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