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Waldeinſamkeit.
Lang wurzle und knoſpe und grüne noch fort
Hochwölbig Portal des laubgrünenden Doms,
Eichenpaar, fürſtliche Hochwaldzier!
Wie reckſt du ſtattlich zum Himmel den Stamm
Stolz aufrecht und frank,
Wie entſendeſt du kräftig zur Seite den Aſt,
Hartwinkligen Schwungs, nicht ſänftlich gewölbt,
In wagrechter Linie und ſteilab;
Wie zweigt ſich knorrig das Durcheinand'
Zur hochwipflig ſchließenden Krone!
Sind wir auch nicht mehr Waldmenſchen von einſt,
Die eurer Eicheln Nahrung gelabt
Mit den grunzenden Herden gemeinſam:
Noch entzückt uns alle die Schönheit des Blatts,
Sein gekerbter Rand, ſein Gebuſchtſein zum Strauß;
Noch ſchmückt dem Krieger zum Sturmlauf der Schlacht
Das Eichreis den Helm,
Und ein Eichlaubkranz ehret den Sieger.
Denn den Göttern war und den Manen geweiht
Die Eiche, der Deutſchen urheiliger Baum,
An ihren Stamm hing als Weihgeſchenk
Des Beſiegten Schild der Freiſaß des Walds,
Und wenn ihm ſelber der Schwerttod genaht,
Hing des Ahnherrn Schlachtſchild der Enkel dazu
Als Denkmal im Hain ohne Inſchrift.
Wenn mächtiger Sturm dann ſein Brauſen erhub,
Da klirrten im Wetter die Schilde zuſamm',
Und zum Kind ſprach die Mutter: „Nun ſprengen einher
Die von Heervater Wodans altheiligem Heer!“ —
Hier möcht ich dereinſt am geweihten Ort, L
Der ſo fromm mich ſtimmt, wie ein Münſter von Stein,
Nach des Lebens Genuß und des Lebens Verdruß
Im Eichenſchatten ausruhn mein Gebein,
Von geliebter Hand einen Kranz ob dem Grab,
Und hoch im Geäſt ”
Von der Wipfel Flüſtern noch leiſe genannt:
. „Waldfreund!“
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