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Waldeinſamkeit. 115 —
Unſere Juwelen glänzen im Taue,
Unſere Feſte im Felſengedräng.“
Heil dir, du Mann mit dem Herzen von Gold,
Mit dem ſilbernen Haar und den Sehnen von Stahl,
Wildangerfröhlicher Forſcher!
Nun aber drei wilde Röslein gepflückt
Und den Jägerhut und die Bruſt geſchmückt
Und wieder hinab zu den Wäldern!...“
Es beflügle den Schritt mir der ſinnige Spruch,
Den das Mütterlein rot ſtrich im Lenaubuch:
„AWeiter ſoll ſich Lieb' von Lieb'
In das Land nicht wagen,
Als man blühend in der Hand
Kann die Roſe tragen!“
Siebentes Blatt.
Waldbrand.
Auf Freud' folgt Leid, auf Luſt folgt Grauen —
Was iſt dort für ein Wölklein zu ſchauen?
Das Wölklein wird Wolke, die unheilerfüllt
Den Waldſaum und Wald in Rauchmaſſen hüllt;
Drin leuchtet's und züngelt's und nordwindentfacht
Bricht ein Flammenmeer los mit verheerender Macht,
Das kniſtert und praſſelt und leckt und loht,
Bis empor zu den Wipfeln in Goldgelb und Rot.
Schnell bräunt ſich das Laub, das Aſtwerk zerſpellt,
Mit ſtürzenden Stämmen bedeckt ſich das Feld,
Und vorwärts wälzt ſich zum offenen Land
Widerſtandslos der entſetzliche Brand...
In mächtigen Sprüngen, die Schnauze voll Schaum,
Setzt kunſtgerecht über den rauchenden Baum,
Der geröſtet zerbarſt, ein behender
Feiſtkräftiger Vierzehnender.
Ihn jagt kein ſterblicher Jäügersmann;
In glührotem Mantel durchwütet den Tann
Mit hölliſchem Heerſchargetöſe
Des Glutwinds Sohn, Typhon der Böſe.
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