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Waldeinſamkeit. 117
Neuntes Blatt.
Wenn die Unken rufen.
Grau dämmert's am Sumpf, ein Sternleinpaar ſcheint
Ob der Salweiden knorrigen Strunken,
Und wie wenn ein Chorus von Heuchlern weint
Tönt Dämmerungsklagruf der Unken.
Kaum iſt nach des Tages kraftmüdender Jagd
Wie ein Leu die Sonne geſunken...
Wird ſie aus dem Schilf wie ein Freund ſchon beklagt
Vom Dämmerungsklagruf der Unken.
Was flöteſt du ſüß, weil der Leuchtwurm glimmt,
Frau Nachtigall, ſternenſcheintrunken?
Fleuch aus oder ſchweig!... Dein „Züküht“ überſtimnit
„Unk, unk!“ der Klagruf der Unken.
Nur wer Munkeln verſteht und das Dunkel durchſpähn
Und mit Wildkatzenaugen drein funkeln, L
Den freut's, auf nächtigen Raubſchlich zu gehn,
„Unk, unk!“ beim Klagruf der Unken!
Zehntes Blatt.
Waldfrevel.
Ein gaſtlich Quartier um Mitternacht
Hab vom Wald ich geheiſcht; gern bot er mir dar
Ein windſtill Lager im dicht'ſten Gehölz,
In ſamtweichem Mooſe, von Farren umſchwankt,
Den umſponnenen Stein als Kiſſen des Kopfs,
Altknorrige Eichen als Hüter.
Unlang war der Schlaf; es umſchwebte mich nicht
Süß gaukelnder Traum und entführte mir nicht
Zu dir, mein Magnet, die Gedanken.
Jäh fuhr ich empor mit unwirſchem Fluch,
Geweckt von dem Schalle der hauenden Axt,
Der, doppelt ſo ſtark
Denn bei Tag, weit rief durch die Nacht hin.
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