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Waldeinſamkeit.
Im Silberglanzdämmern der Sommernacht
Hob Eiche bei Eiche ihr wipfelgrün Haupt.
Nur des Vordergrunds erſte, geborſten im Stamm,
Lag einwärts geſtürzt und erfüllte den Grund
Mit der mächtigen Krone Laubwirrſal.
Von dort kam der Schall, nichts Gutes vermeldend,
Denn hauende Axt um Mitternacht ruft
Zwar manches Mal: „Ehrlich!“ doch öftermal: „Schuft!“
Hoch oben auf ſchief ſich erbiegendem Stamm
Stand einer und hieb mit gewaltiger Kraft,
Daß Späne flogen und AÄAſte,
Und auf den Schauplatz der nächtigen Tat
Sah kreisrund die Scheibe des Vollmonds herab,
Und dasſelbe traumdämmrige Silberlicht,
Das Liebende lockt,
Ir ſanften Gefühlen zu ſchwärmen,
Beſtrahlte die Kanten der Nachbarbäume,
Beſtrahlte mild den geſunknen Koloß,
Der Äſte Verflechtung nach rechts und links,
Und ihm ſelber, dem Mann mit geſchwungener Axt,
Kahlkopf, Hemdärmel und Haubeil.
Zum Glück iſt's ein Fall nicht, der Blutſühne heiſcht,
Wie ehdem, wo grauſam dem Frevler im Forſt
Den rechten Daumen der frevelnden Hand
Als verwirkt abhieb der Gerichtsherr.
Ich kenne den Mann. Im Taglohn haut
Der Forſtei er das Holz,
Der Sturm, nicht er, warf die Eiche.
Und weil er am Tage heut Kindtaufe hielt,
Hilft verſpäteter Fleiß und die Silberſcheinnacht,
Der Säumnis Fehler zu beſſern.
*S
Und ich nahte dem, der ſich den Schlummer brach
Und den meinen verdarb, doch ich zürnte ihm nicht,
Und gähnenden Mundes, ſchier ſchlaftrunken noch
Entbot ich den Gruß:
„Was iſt, Sebaſtian, haut's aut 2“
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