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Waldeinſamkeit. 119
Elftes Blatt.
Morgengruß bei der Waldmühle.
Im Frühtau funkelt der Birkenhain —
Kuſch, Tiras, ſpar dein Trinken.
Wie rührt mich im roſigen Frührotſchein
Waldmühle, vertraute, dein Winken!...
Scharfkantig umleuchtet der erſte Strahl
Des Morgens die Mauern, die düſtern;
Radtreibend plätſchert das Bächlein zu Tal,
Die Birkenzweige flüſtern.
Das Fenſter dort oben im ſonnigen Glaſt,
Drob gurrend die Tauben fliegen,
Birgt einen viel zu verehrten Gaſt,
Als daß ich bliebe verſchwiegen.
Die Büchſe hoch! Hut ab dazu
Gutheil ſei dieſem Tage!...
Der einzige Schuß, den ich heute tu,
Iſt eine Schickſalsfrage.
Froh drück ich los. Paff! kracht der Schuß...
Lieb Gaſt ſei ohne Sorgen,
Mein Büchſenhahn kräht fragenden Gruß
Und Weidmanns Gutenmorgen!
Nun ſchnattert, ihr Enten und Gänſe, laut,
Und verkündet im Hof den Genoſſen:
„In der Mühle ſchläft eine, noch iſt ſie nicht Braut,
Doch ſie träumt von dem, der geſchoſſen.“
Zwölftes Blatt.
Stilles Heim.
Hell blinkt die Zinnengiebelwand,
Beſtreift von den Hecken der Eiben,
Und die Dreizahl der Erker ſchimmert ins Land
Mit den runden Bleiglasſcheiben.
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