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I.
Ja, liebe Kinder, nicht von alten Märchen,
Auch nicht von Krieg und teurer Helden Lorbeer;
Aus unſrer Heimat will ich Euch berichten.
Wie, als ich ſelbſt, wie Ihr, in langen Zöpfen
Und kurzem Rock durch Gernsbachs Straßen ſprang,
Die Mutter oft uns Kindern es erzählt hat.
Der Mutter wieder hat's die Großmama
Und der die Urgroßmutter einſt vertraut!
Denn wie ein altgrau Moos, ſo heftet ſich
Die Sage an die Landſchaft, unzergänglich,
Und tief aus hohlen Bäumen oder Bergen
Vermeint der Wandrer Sang und Ton zu hören
Als Nachhall ferner, langverklungner Zeit.
Ihr alle kennt den langgeſtreckten Rücken,
Der ſich genüber von Neu⸗Eberſtein
Mit mächtigen Forſten aufſchwingt ob der Murg.
Den Rockert nennt man ihn. Vielleicht entſtammt
Des Namens Wurzel alter Keltenſprache.
Rocca heißt Fels, Rockhart ein felſiger Wald,
Und Rockertſtein des Felswalds höchſte Kuppe,
Die frei hinausragt. — Auch in England kennt
Der Sagenforſcher ſolche Rockingstones.
Doch alles weiß kein Menſch. Es iſt verſtruppt
Und finſter droben, und ein Trümmermeer
Verwitterten Granits bedeckt den Waldgrund.
Doch wer zur Spitze klimmt, ſchaut hoch genüber
Der Herrenwies verſchneite lange Grinden,
Im Sonnenglanz tief unten Eberſtein,
Frei vorn im Duft die Badner Porphyrberge,
Und fern des Rheines lichten Silberſtreif. —
In einer Höhlung jener Felswand hauſt
Das Rockertweiblein. Niemand weiß zu ſagen,
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