Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-1/3
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 2: Juniperus, Hugideo u.a.)
[1916]
Seite: 126
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Die Mär vom Rockerkeebn

Seit wann ſie Sitz und Wahnung dort genommen.
Doch raunt das Volk: Einſt war ſie jung und ſchön
Und als ein höher Weſen viel verehrt,
Frau Holda ſei ihr eigentlicher Namen.
Erſt mit dem Alter ſei die gute Fee,
Wie es zu gehn pflegt, rauh und unhold worden.

Gern ſahen Dorf wie Burg ihr Rockertweiblein,
Denn freundlich und dienſtfertig war ſie jedem
Und zürnte nur, wo Grund war zum Erzürnen.

Die Wildrer, die im Rockertforſte jagten,

Hat ſie vertrieben und durch dick und dünn,
Durch Dorngeſtrüpp, durch Hecken und durch Stauden
Auf ſteilen Abhang ſtrafend irrgeführt.

Doch Fleiß und Ordnung hielt ſie hoch in Ehren,
Und auch den Flachsbau und des Spinnens Kunſt;
Der Bauer, wenn er ſeinen Flachsherbſt hielt,
Ließ einen Teil im Feld zurück für ſie.
Den ſpann ſie ſorglich droben vor der Höhle.
Nach Weihnacht aber, wenn der Schnee in Flocken
Zu wirbeln anhub, ſagte man im Tal:
„Das Rockertweibel droben macht ſein Bett,
Die Federn fliegen — jetzt kommt ſie zu uns —!“

Das war ein Leben in den Spinneſtuben
Zu Hilpertsau, zu Reichental und Scheuern,
Wenn ſie erſchien und bracht' als Lohn des Fleißes
Ein Rädlein, fein vom Birnbaumholz geſchnitzet,
Und an der Kunkel eine volle Riſte,
Mit roſigrotem Seidenband umwunden,
Ein Schleiflein dran, ein Netzgeſchirr von Silber;
Im Krebs die Spule, halb ſchon angeſponnen —
Und trieb zur Arbeit: „Spinnt die Spulen voll;
Bis Faſtnacht kommt, muß alles fertig ſein!

Dem faulen Volk zünd' ich die Rocken an!“

Da ging's voran, da ſchnurrten und da ſurrten
Im Takt die Räder; hell erſcholl Geſang,
Die Spulen wurden noch einmal ſo voll,
Der Faden wurde noch ſo fein und gleich.


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