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Die Mär vom Rockertweibchen. 127
II.
In jenen Zeiten war auf Eberſtein
Ein junger Gärtner dienend eingeſtellt,
Und eine Jungfrau, die man Klara hieß:
Ein ſchmuckes Paar, in Liebe ſich geneigt.
Er pflegte ſorglich einen Flor von Roſen,
Die ſich die Burg als Schildwehr auserwählt
Und üppig drum im Garten blühen ließ,
Und pflegte ſorglich auch des Rebgeländes,
Aus deſſen Trauben Eberblut entquillt.
Die Jungfrau ſpann und wob im Frauenſaal.
Wer heute fröhlich von des Burgturms Zinnen
Hinabſchaut in das murgdurchrauſchte Tal,
Umſtrömt vom Hardzduft ſeiner Edeltannen,
Erquickt vom Farbenreiz der Rheintalferne,
Der fühlt: Hier iſt ein Sitz des Glücks und Friedens
Und lang entſchwunden iſt die böſe Zeit,
Die nur verſpürt des Ebers grimmen Zorn
Und von der Roſe nur den ſcharfen Dorn.
Doch damals war des Glücks nicht viel. Ein Vogt,
Ein harter Mann, befehligte die Burg.
Der zwang die Mägde, in dem Frauengaden
Zu haſpeln und zu ſpinnen Tag und Nacht,
Und gönnt' den Müden kaum den Biſſen Brot
Und kaum das Stündlein Schlaf. Drum heißt's im Lied:
„Zu Eberſtein im Schloſſe, ſo lang der Burgvogt wacht,
„Da drehen ſich und weifen die Spindeln in der Nacht,
„Die armen Mägde nicken, die Müdigkeit ſie zwingt,
„Und fahren auf erſchrocken, wenn fern ein Pförtlein klingt,
„Der Vogt... der Vogt... wie iſt doch der Vogt ein harter Mann!
„Wir haſpeln ihm und ſpinnen zugleich, was niemand kann.
„Wär' nicht das Rockertweibchen, wir ſelber könnten's nicht;
„Doch ſchilt er ſtets und gönnt uns kein freundliches Geſicht!“
Die Klara war leibeigner Leute Kind
Und ſchuldete des Vogts Befehl Gehorſam;
Doch wenn ſie ihn um baldige Hochzeit bat,
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