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Die Mär vom Rockertweibchen. 129
In ſtillem Zwieſpruch mit dem treuen Herz,
Das uns verſtand und das uns noch verſteht,
Taut milder Troſt wie Balſam auf die Wunden,
Die Grauſamkeit und Hohn des Lebens ſchlägt.
Wir atmen heil vom Druck der ird'ſchen Schwere,
Und Heimweh überkommt uns nach dem Frieden,
Den jene ſchlafen, die der Erdſchoß birgt.
Wie hob ſich ſtill an morſcher Friedhofmauer
Der Mutter Grab, zu dem jetzt Klara ging.
Kaum ſcheucht ihr Tritt die bunten Schmetterlinge,
Die dort ſich wiegten in der Sonne Glanz.
Ein ſchmucklos Steinkreuz ragte aus dem Boden,
Efen und Flieder rankten um die Hügel.
Und alles rings war eine blühende Wildnis,
Von weiß und rotem Neſſelkraut durchwuchert.
„O Mutter, gute Mutter, wie bin ich an Hoffnung verarmt!“
Sie warf ſich hin mit Schluchzen. — Es hätt' ein Stein ſich erbarmt.
Und als die Sterne blinkten vom hohen Himmelsdom,
Noch lag ſie auf den Knien, noch floß der Tränen Strom.
Da fühlt ſie ſich die Locken berührt von ſanfter Hand:
Das war das Rockertweibchen, das freundlich neben ihr ſtand!
Es trat zu ihr und hob ſie von der Erde
Und fragte nach dem Grunde ihres Grams
Hilfreich und gut, als alte Spinnſaal⸗Freundin,
Doch als ihr Klara alles treu erzählt,
Was zwiſchen ihr ſich und dem Vogt begab,
Hub ſich die Bergfrau ſtolz und ſchwer entrüſtet;
Und finſter ward und finſtrer ihr Geſicht,
Die Neſſeln riß ſie aus dem Grabe aus
Bis auf die letzte — fügte ſie zum Buſch
Und hob ſie drohend mit geſchwungnem Arm
Empor zur Burg. „Geh, trockne deine Tränen,“
So rief ſie zürnend mit unſanfter Stimme,
„Geh heim, du gute Klara; geh und vertraue mir,
Dir ſoll geholfen werden. Die Hemden ſpinn' ich dir.“
Scheffel. II. 9
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