Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-1/3
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 2: Juniperus, Hugideo u.a.)
[1916]
Seite: 131
(PDF, 34 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw2/0131
Die Mär vom Rockertweibchen. 131

Doch als das Pirſchen glücklich war ergangen,
Und laut das Horn zu Raſt und Imbiß rief,
Da kam der Zug mit Jägern und mit Treibern
Und wildbeladen vor zum Rockertſtein.

Hei ſeltſam Bild, was ſie erſchauen mußten,
Was ihren Sinn mit fremdem Graun erfüllt!
Hoch ob der Höhle ſaß das Rockertweibel
Und ließ das Spinnrad und die Spindel ſchwirren
Und ſang dazu ein fremdes Zauberlied,
Uralt im Stabreim und im Wortgefüg.

Der Vogt trat vor: „Was ſchaffſt du, Alte, da?
Gelüſtet's dich, ſo ſpät ein Glück zu gründen,
Da, wo der Fuchs der Eule Gute Nacht ſagt?
Du ſpinnſt dir gar ein Brauthemd? Gib Bericht!“

„Ein Brauthemd und ein Totenhemd, Herr Vogt,
So Ihr's erlaubt,“ verſetzt das Mütterchen.
„Dein Flachs iſt ſchön, doch klebt an ihm ein Makel,
Du haſt vom Feld der Herrſchaft ihn geraubt!“

„Nicht alſo, Herr!“ ſprach wiederum die Alte,
„Mein Flachs, der wuchs an einem guten Ort.
Ihr habt den Gottfried drüben doch gekannt
Und ſeine Frau — das ärmſte Paar im Ort,
Auf ihrem Grabe wuchs, was ich verſpinne.“

Und groß und größer hub ſich die Geſtalt,
Und aus der Höhle wirbelte ein Staub,
Die Bracken all begannen wild zu bellen,
Als wären auf die Spinnerin ſie gehetzt.
Die wandte leiſe ſich und ward nicht mehr erſchaut.

Der Vogt ritt heim. Verdorben war und blieb
Sein Jagdfrühſtück... ñHdenn im Gewiſſen ſaß
Der Alten Wort ihm wie ein Bienenſtich.
„Lenk ein, eh dich's gereut,“ mahnt ihn die Sorge,
Doch widerſprach ihr Hochmut und Verdruß.
Er ſchwankte lang und kam nicht zum Entſchluß

9*


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw2/0131