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Die Mär vom Rockertweibchen. 131
Doch als das Pirſchen glücklich war ergangen,
Und laut das Horn zu Raſt und Imbiß rief,
Da kam der Zug mit Jägern und mit Treibern
Und wildbeladen vor zum Rockertſtein.
Hei ſeltſam Bild, was ſie erſchauen mußten,
Was ihren Sinn mit fremdem Graun erfüllt!
Hoch ob der Höhle ſaß das Rockertweibel
Und ließ das Spinnrad und die Spindel ſchwirren
Und ſang dazu ein fremdes Zauberlied,
Uralt im Stabreim und im Wortgefüg.
Der Vogt trat vor: „Was ſchaffſt du, Alte, da?
Gelüſtet's dich, ſo ſpät ein Glück zu gründen,
Da, wo der Fuchs der Eule Gute Nacht ſagt?
Du ſpinnſt dir gar ein Brauthemd? Gib Bericht!“
„Ein Brauthemd und ein Totenhemd, Herr Vogt,
So Ihr's erlaubt,“ verſetzt das Mütterchen.
„Dein Flachs iſt ſchön, doch klebt an ihm ein Makel,
Du haſt vom Feld der Herrſchaft ihn geraubt!“
„Nicht alſo, Herr!“ ſprach wiederum die Alte,
„Mein Flachs, der wuchs an einem guten Ort.
Ihr habt den Gottfried drüben doch gekannt
Und ſeine Frau — das ärmſte Paar im Ort,
Auf ihrem Grabe wuchs, was ich verſpinne.“
Und groß und größer hub ſich die Geſtalt,
Und aus der Höhle wirbelte ein Staub,
Die Bracken all begannen wild zu bellen,
Als wären auf die Spinnerin ſie gehetzt.
Die wandte leiſe ſich und ward nicht mehr erſchaut.
Der Vogt ritt heim. Verdorben war und blieb
Sein Jagdfrühſtück... ñHdenn im Gewiſſen ſaß
Der Alten Wort ihm wie ein Bienenſtich.
„Lenk ein, eh dich's gereut,“ mahnt ihn die Sorge,
Doch widerſprach ihr Hochmut und Verdruß.
Er ſchwankte lang und kam nicht zum Entſchluß
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