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Die Mär vom Rockertweibchen.
Und wie ſo mancher, wenn ihn Unmut plagt,
Zum Keller ſchreitet und ein Faß anſticht,
Und Weisheit ſich im Weine holt und Rat,
So ſchuf der Vogt ſich Kurzweil und. Zerſtreuung
Daheim mit ſeinen Freunden beim Pokal.
An Eberſteins Geländ wächſt guter Troſt:
Wie Feuer glüht das rote Eberblut;,
Und wie Karfunkel blinkt's im Stengelglas.
Noch heut erquickt der Wandrer ſich daran,
Der ſteigensmüde in der Vorburg Raſt hält,
Und dankbar leert er ſeinen erſten Becher
Dort auf des Burgherrn und der Seinen Wohl.
Feſt ſaß der Vogt mit ſeinen Zechgeſellen
Im Ritterſaal am krügeſchweren Tiſch,
Wo durch der Erkerfenſter runde Scheiben
Der Sonne Goldſchein auf die Humpen fiel.
Da klopft' es fröhlich an die Eichentür,
Und wer trat ein? — Wer malt die Wonne ganz,
Die auf dem Angeſicht des Braven ſtrahlt,
Dem nach ratloſem Dunkel der Verzweiflung
Die Hoffnung ſiegreich wiederkehrt ins Herz?
Schön Klara war's. Hoch in den Händen hielt
Dem Vogt die Neſſelhemden ſie entgegen,
Geziert und blank, wie er ſie ſelbſt beſtellt.
Weiß war das eine, fein wie Schwanenflaum,
Seltſame Runen waren drein gewoben,
Wie man es pflegt bei einem Notgewand:
„Mit Bildern, Zeichen, ſchaurig fremd,
Ein weißes, ein weites wallendes Hemd.“
Rot war das andre, und ein goldner Saum
Zog ſchimmernd ſich um Kragen, Bruſt und Ärmel,
Ein altertümlich ſchmuckes Feſtgewand.
So ſtand ſie lang und ſprach kein Wort dazu,
Doch ihres Aug's beſcheiden ſtolzer Blick
Sprach alles, und dem Vogt ward ſchwer zu Sinn,
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