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Die Mär vom Rockertweibchen. 1833
Doch hofft er wegzuſcherzen das Geſchick,
Bracht' ihr den Becher wie zum Glückwunſch dar
Und ſprach: „Es ſei! — Wo iſt der ſtärkſte Mann,
Den nicht der Frauen Liſt und Kunſt bezwingt,
Denn Hexen ſeid Ihr alle miteinand —
Du haſt geſiegt, mein Wort iſt dir verpfändet,
Behalt' dein Brauthemd luſtig; morgen ſchon
Geb' ich dich frei und richte Hochzeit ein
Und Haus und Wohnung der Frau Gärtnerin!
Ich aber will Brautführer ſein im Zug
Und will als Feſtleibrock das Nothemd tragen;
Es wird für mich fürwahr kein leichter Tag!“
VI.
Schalmeienklang und ſchrille Geigenſtriche
Begrüßten des erſehnten Tages Frührot,
Und feſtlich ordnete im Hof der Burg
Zum Kirchengange ſich der Hochzeitzug.
Der Muſiker aufrichtige Freude ließ
Die Falſchheit ihrer Töne ganz vergeſſen.
Ein ſchmucker Knabe ſchwang den Leitſtock hoch,
Mit Blumenkranz und Bändern reich geziert,
Die Braut erſchien im Schmuck der Schapeltracht,
Das Schapelkrönlein blitzte auf dem Haupt,
Geziert mit Flitterſchaum und farbigen Steinen,
Der Schapelgürtel prangte goldgeſtickt,
Die Rechte trug den Zweig von Rosmarin.
Der Bräutigam im weißen Linnenrock
Hatt' einen großen, ſelbſtgezognen Strauß
Sich vor den roten Bruſtlatz vorgeſteckt
Und ſah vergnüglich drein und dachte ſich dazu:
„Es gärtnet wohl nicht ungut ſich ſelbzweit!“
Als Ehrenmägde ſchritten mit der Braut
Die Jungfraun alle aus dem Frauenſaal,
Mit denen ſie ſo manche Kunkel ſpann.
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