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Die Mär vom Rockertweibchen.
So trat die ganze Schar zum Turm des Vogts
Und brachte ihm ein Morgenſtändchen dar;
Hellauf erklang des Hochzeitsliedes Weiſe:
„Wie fröhlich will ich ſein, wenn's dir und mir wohlgeht,
Wenn unſer jung friſch Leben in hoher Freud' aufgeht.“
Erwartend, daß er bald herunterſteige,
Als Oberſter und Herr den Zug zu führen,
Begann man ungeduldig ſchon zu raunen: L
„Wo bleibt der Vogt? Wann kommt der Vogt zum Feſtzug?“
Der Vogt kam nicht. Das Ständchen klang zu Ende.
Der Vogt kam nicht. Da plötzlich, ſchrill und graus
Erſcholl ein Sterbeſchrei vom Turm zum Hofe.
Denn als er ſich bereit zum Kirchgang machte
Und in des Rockertweibchens Nothemd fuhr,
Da brach er jäh zuſammen — „Wehe, Weh!“
Wie Flammen brennt's, wie glühend Eiſen brennt's,
Und ſchnürt ſich um ihn wie ein Feuerpanzer...
Wie giftige Lohe ziſcht der Neſſelfaden
Und haftet feſt — umſonſt verſucht die Fauſt,
Ihn abzureißen — weiter ſengt die Glut,
Sengt tief und tiefer und verzehrt ihn ganz:
Sein Neſſelhemd ward ihm zum Neſſushemd!
So ſpinnen jedem ſich des Schickſals Fäden,
Hier klingen Hochzeits⸗, dort die Sterbeglocken,
Doch ewig gleich, unabweisbar ſtillwaltend
Ob allem, was da iſt und war und ſein wird,
Steht Gottes Allmacht und Gerechtigkeit.
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