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Prolog.
Frankreichs vierzehnter Ludwig hatte ſich
Die alte Reichsſtadt Landau in der Pfalz
Zu einem feſten Bollwerk neu erbaut,
So recht als Streithahn⸗Neſt und Ausfalltor,
Das Nachbarland zu plagen und zu preſſen.
Vauban, ſein kriegsgelahrter Ingenieur,
Tat alles, um ein Meiſterſtück zu ſchaffen
Nach dem Syſtem der Fortifikation:
Da huben ſich acht hohe Baſtionen
Und ebenſoviel Ravelins und Schanzen,
Gekrönt von einer feſten Zitadelle,
Und „Nemini haec cedit!“ ließ er ſtolz
Auf einen Stein haun ob des Stadttors Wölbung.
„Landau nimmt Keiner!“ war der Worte Sinn.
Doch Siebzehnhundertzwei ging's Schlag auf Schlag.
Der Markgraf war Reichsfeldmarſchall geworden
Und zeigte, daß er in den Türkenkriegen
Auch etwas von Belag'rungskunſt gelernt.
Im Juni griff der Deutſchen Streitkraft an.
Vergeblich führte Marſchall Catinat
Ein ſtark Erſatzkorps vor bis Druſenheim,
Da wo das Flüßlein Motter in den Rhein fällt;
Er ward geſchlagen, und die Arbeit ging
In den Trancheen ſchnell und luſtig vorwärts:
Kartaunen ſchoſſen regelrechte Breſche,
Die Mörſer warfen Bomben und Barkaſſen,
Und von dem Halbmondwerk aus wurde nachts
In einer Stund' erſtürmt die Zitadelle.
Da wehten bald vom Wall drei weiße Fahnen;
Der Kommandant Mélac, der Pfalzverwüſter
Verfluchten Namens, ließ Schamade ſchlagen
Und unterſchrieb die Kapitulation.
Aus Landaus Toren zog der Magiſtrat,
Demütiglich auf ſamtnen Kiſſen bringend
Des Stadttors Schlüſſel. Markgraf Ludwig Wilhelm
Nahm lächelnd ſie: „Freut Mich, Herr Bürgermeiſter“,
So ſprach er fein, „freut Mich, Ihr weiſe Herren!
Doch eh' Ihr Euch nach Regensburg begebt,
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