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174 Die Linde am Ettersberg.
Als achte Gruppe
treten Studenten von Jena auf mit dem ſchon vor ihrem Erſcheinen be⸗
ginnen den Geſang (Melodie des Gaudeamus igitur).
Vivat et respublica
Et qui illam regit,
Vivat Jena civitas,
:Maecenatum caritas,
Quae nos hic protegit!:
Lehrer. Hoho! da klingt's lebendig, wer erſcheint?
Tochter. Ach Gott, Studenten!
Lehrer. Nun, die ſind auch wohl keine Karaiben,
Nur ihr Latein iſt unſre Stärke nicht.
Tochter. Ich aber fürcht' mich vor dem wilden Volk.
Studenten. Du fürchteſt dich? Warum? Geſteh die Wahrheit!
Tochter. Ich hab' gehört, ihr ſeid gottloſe Leute
Und ihr habt einen Lehrer, der behauptet,
Es ſei nicht wahr, daß Gott den Menſchen geſchaffen,
Wir ſeien nur Getier und ſtammen von den Affen.
Erſter Student. Mein freundlich Kind, du haſt nur halb gehört,
Das Affentum galt nur zu Olims Zeit.
Vorwärts zur Schönheit! lehrt die neue Lehre.
Und wenn wir jetzt, im Wettkampf um das Daſein,
Zur Schöpfung Krone lieblich uns verfeinert,
So können uns ja einſt noch Schwingen wachſen,
Und ſchon auf Erden wandeln wir als Engel
Mit Flügeln, die empor zum Himmel tragen.
Tochter. So laß ich's eher mir gefallen ..
Erſter Student.
Drum ſchilt uns nicht auf unſre Lehrer, hörſt du!
Lehrer (humoriſtiſch). Es braucht mit dieſer Fortentwicklungslehre
Wohl noch ein gut Stück Zeit, bis man von Jena
Nach Lichtenhain im Abendrote fliegt..
·. Die Herren machen wohl, wie ſie es nennen,
So einen dies academicus?
Zweiter Student. Jawohl, Scholarch, und wiſſen auch warum!
Es gibt kein zweites Jena auf der Welt —
Drum ſind auch alle ſieben Wunderwerke
Der Welt ſchon lang vereinigt dort zu ſehn
Und in den letzten fünfundzwanzig Jahren
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