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178 Die Linde am Elttersberg.
Und manche Jahrzahl ſchnitt man in die Rinde
Als Zeugnis ein....
Seht Zweiundvierzig dort,
Wenn's dazumal der Braut von Niederlanden
Im Haag nicht thüringiſch im Ohr erklang,
Sind wir nicht ſchuld......
So Anno Neunundfünfzig
Das Schillerfeſt. Was er geahnt als Seher,
Daß würdiger Geiſt auch würdige Form ſich finde,
Dafß einſt ein Reich den Geiſt mit Macht verbinde,
Und ein vereintes, freies, deutſches Volk ſei,
Das ging elektriſch damals durch die Seelen,
Doch blieb's, wie Poeſie, ein Reich des Traums.
Doch als der Siegesſturm des Jahres Siebzig
Der Sehnſucht kühnſtes Hoffen übertroffen,
Und als zuerſt die ſchwarzrotweiße Fahne
Mit der von Sachſen brüderlich erprangte,
Da war das Reich des Traumes Wirklichkeit
Und Sang und Zitherklang wollt' nimmer enden,
Bis wir das Friedensfeſt auch hier gefeiert
Und froh die Heimkehr grüßten unſrer Krieger
Und unſres Herzogs, der, wohin die Pflicht ihn
Gerufen, war und von Verſailles kam.
(Er hängt eine Tafel mit der Jahreszahl 1878 an unter der Dekoration.)
Nun füg' ich froh die Jahrzahl Achtundſiebzig
Zu allen frühern, und mir iſt, ich höre
Den Saft der Wurzeln in den Faſern kreiſen
Und alle Zweige wipfelfröhlich rauſchen,
Und hör' die Linde, wie ſie ſelber ſpricht:
„Heil ihm, mit dem ich alt und groß geworden,
Stets blüh' ſein Stamm ſo, wie der meine blüht;
Er rage ſtolz und frei in Gottes Luft,
Freu' ſtets die Welt mit honigſüßem Duft
Und habe Dank für alles, was er ſpendet!“
(Freudige Zuſtimmung der Anweſenden.)
Die Kinder (in der Linde wiederholen die Strophe).
Wir lieben dich, wir ſind dir gut,
Und das wird nie mehr anders,
Denn Dorf wie Stadt lebt hochgemut
Im Schutz Karl Alexanders!
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