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Die Linde am Ettersberg. 179
Lehrer (fortfahrend).
Beruhigt euch, mein Spruch iſt nicht zu Ende.
Wem Gott wohl will, dem teilt er für des Lebens
Mühvolle Arbeit die Genoſſin zu,
Die ſorgend, pflegend und ermutigend
Die Flamme hütet auf des Hauſes Herd.
Nun wißt ihr wohl, von wem ich weiter rede,
Denn ihr wart alle ſelber mit und ſtandet
Am achten des April an Weimars Bahnhof,
Als ſie zurückkam aus dem Orient, G
Und freutet euch, als käm' jedwedem ſelbſt
Ein teures Haupt aus Krieg und Kriegsnot heim.
Ja, der Frau Großherzogin — wenn ſie auch
In tätiger Stille lieber wirkt als laut —
Geziemt ein Wort der Anerkennung heut,
Schlicht, wie das Volk ſpricht, ohne Schmeichelhonig. —
Beſtimmt und klar, in ruhig feſter Weiſe,
Und, wie ihr Ahnherr Wilhelm von Oranien
Das Wohlbedachte wohl im Sinn bewahrend,
So ſteht ſie dem Gemahle treu zur Seite.
Der alten Chriſten Charitas, die Liebe,
Die eifrig nur: Wo iſt zu helfen? fragt,
Die übt ſie, groß im Denken und Empfinden,
Und mit Verſtändnis für das Kleinſte aus
In Zeit des Kriegs; gleich St. Eliſabeth
Den Werken der Barmherzigkeit ſich widmend
In Friedenszeit an Spitze der Vereine.
Hoch in der Rhön, wo Schnee und Sturm und Krankheit
Der Armut Hütten heimſucht, weiß man, wer
Nicht einmal, nein, alljährlich Tröſtung ſchickt;
Und in der Hauptſtadt, wo der Not ſo manche,
Gibt des Sophienſtiftes ſchöner Schulbau
Ein weitberühmtes Zeugnis, wer's verſteht,
Des Guten Saat in junge Herzen ſtreuen
Und zu gediegnen, arbeitſamen Frauen
Die Töchter unſres Landes zu erziehn.
Wer alſo mild zu ſorgen weiß für andre,
Den ſegnet Gott dafür im eignen Hauſe.
An lieben Töchtern darf ſie ſich erfreun
Und hat das Glück, daß ihre weite Fahrt
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