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180 Die Linde am Ettersberg.
Zum Bosporus gekrönt von Segen war!
Als Zuverſicht und Stolz der Seinen ſteht
Der ritterliche Sohn an ihrer Seite
Und lächelnd präſentiert der Großmama
Des Erbgroßherzogs liebliche Gemahlin
Nicht einen, nein, gottlob, ſchon zwei der Enkel,
Und Sachſen⸗Weimars Stamm grünt, ſprießt und ſproßt
Wie unſer Lindenbaum am Ettersberg —
Und wer kein Nörgelfriede iſt, ſtimmt ein:
Des Landes Vater und die Landesmutter,
Ihr Stamm und Haus in Kind und Kindeskindern —
Karl Alexander und Sophia hoch!
Kinder (in der Linde). Karl Alexander und Sophia hoch!
(Tuſch der Muſik und Tanz.)
Zweiter Auftritt.
(Derweilen iſt die Geſchichte erſchienen, eine ſtolze Frauengeſtalt in idealem
Koſtüm, etwa wie auf Kaulbachs Bild „Geſchichte und Sage“, mit Gefolg,
voran drei in ſächſiſche Farben und Wappen gekleidete Herolde oder tafel⸗
tragende Jünglinge.
Sie tritt raſch vor, während der Redner vollendet hat und ſich den anderen anreiht.)
Geſchichte (den Lehrer auf die Schulter klopfend).
Dank, alter Meiſter, für den Lindenſpruch;
Ich komm', dich abzulöſen.
Die Leute durcheinand.
Einer: Wer iſt die hohe Fremde, die uns hier
Mit ſeltnem Zauber der Erſcheinung grüßt?
Ein andrer: Was wünſcht und wollet Ihr?
Geſchichte. Mit euch mich freun, ihr wißt, wenn ich mich nenne,
Warum mein Amt mich hier vorüber ruft.
Unſterblich ſchreit' ich durch der Völker Reihen,
Den kommenden Geſchlechtern zu verzeichnen,
Was heut noch Gegenwart, in ſtrenger Prüfung,
Ob recht und echt und menſchenwürdig war,
Was ſie getan, und ob der Nachwelt Urteil
Nicht Flitter ſchelte das, was heut noch Gold heißt.
Ich ritze nicht, wie ihr, nur Baumesrinde;
Was ich mit ehrnen Griffeln niederſchreibe,
Das ſteht in den Annalen der — Geſchichte!
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