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Die Linde am Ettersberg. 183
Ihr eins das andere umfing
Vielfreundlich da mit Armen,
Groß Jammer durch ihr Herze ging.
Wen ſollt' es nicht erbarmen?
Kaum faßt' er ſtarken Gottesmut,
Daß er ſich losgerungen.
Die Mutter hielt den lieben Sohn,
Die Hausfrau den Mann umſchlungen.
Die eine zog hin, die andere her,
Daß er noch fürder bleibe.
Sankt Eliſabeth rief mit lauter Kehl:
„Weh mir viel armem Weibe!
Nun leg' ich hin mein fürſtlich Gewand
Und geh' im Witwenkleide,
Forthin iſt mir kein Heil beſtimmt,
Mich lohnet Lieb' mit Leide.“
Den Ring am Finger wies er ihr:
„Wer einſt dir kommt als Bote
Und bringt dir dieſen edeln Saphir,
Der weiß von meinem Tode.“
An heißen Zähren es nicht gebrach,
Sie mocht ſich nicht geſcheiden,
Bis Rudolf, der Schenk von Vargula, ſprach:
„Herr, es wird Zeit zu reiten.“
Im Wartburghof ſtand Schar an Schar
Der Pilgerfahrtkumpane;
Rittern und Knappen gezeichnet war
Mit Kreuzen Wappnung und Fahne.
Im Brachmond auf Sankt Johannistag
Erhuben ſie ſich mit Eile,
Beſegneten ihr Thüringland
Und fuhren hin mit Heile.
Wo ſo ein Menſch ſich ſcheiden mag
Vom Liebſten auf Erden, da merke,
Ob da nicht Liebe zum Ewigen ſei
Und göttlichen Glaubens Stärke?
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