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Die Linde am Ettersberg. 18⁵
Und lehrt dem Tod ins Schädelantlitz blicken,
Im Unglück ſtandhaft und gewiſſenstreu.“
Da öffnen ſich des Haftgemaches Pforten,
Zwei Knaben ſchleppen eine Staffelei,
Sein neuſt' Gemälde trägt mit Troſtesworten
Altmeiſter Lukas Cranach ſelbſt herbei.
„Heil walte, Herr, in dieſen harten Zeiten;
Wies Frau Fortuna Euch auch wenig Gunſt,
So ſchaut mein Bild, des Heilands bittres Leiden;
Im Unglück ſtandhaft, ſtärk' Euch meine Kunſt!
Das Volk bleibt feſt, wir wirken in der Stille;
Gottlob, daß den Herrn Söhnen gut es geht.
Ich bring' auch Grüß' von Kurfürſtin Sibylle,
Sie harret aus in Tränen und Gebet.
Getroſt, Ihr werdet nicht in Haft verenden,
Der Rautenkranz hat noch nicht ausgeblüht,
Für Euch will ſie den letzten Schmuck verpfänden,
Im Unglück ſtandhaft, herzhaft im Gemüt!
Schon hallt's wie Orgelton und Glockenläuten,
Ich hör' im Geiſt der Heimkehr Willkommtag,
Seh' hoch zu Roß in Weimar Euch einreiten
Und ſpüre Eurer Treuen Herzensſchlag.
Hoch dürft das Haupt vor allem Volk Ihr tragen
Und einziehn in der Heimat treuen Port,
Denn wer Euch ſchaut, der muß mit Ehrfurcht ſagen:
‚Im Unglück ſtandhaft, feſt in Gottes Wort!“
Geſchichte. Der deutſchen Art und Sprache warm zu eigen,
Darf Sachſens Haus im dritten Bild ſich zeigen.
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