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Die Linde am Ettersberg. 193
Und ſo gelingt's dem freien Buſen:
Denn alle Saiten ſchweben leicht,
Bereit zur Hand, bereit zum Klange,
Ein Lied erfolgt, man weiß nicht wie. —
Sein Leben ſei im Luſtgeſange
Sich und den andern Melodie *).“
Mit Goethes Wunſche küßten wir die Stirne
Karl Alexanders — und er iſt erfüllt.
Stand ihm nicht hoch, wie Glühn der Alpenfirne,
Ob allem Tun des Ideales Bild?
Der Schönheit Wert — der Keime zartes Regen
Wachſam erfühlend ging er zart voran.
Glück auf! Schon grüßt ein ſchöner Ernteſegen
Den noch nicht ſchaffensmüden reifen Mann.
Beglückt, beglückend, hochgeehrt wie nie
Steht er vor euch — iſt das nicht Poeſie?
Geſchichte. Und ſo verzeichn' ich denn in meine Bücher:
Fürwahr, ihr bliebt in dieſer Zeit nicht müßig!
Er liebt und ehrt die Künſte, wie ſie ihn.
Und halt ich Rundſchau rings, wie die Gefilde
Im Gold der AÄhren und der Sonne prangen,
So darf ich ſagen: Glücklich Land! man ſpürt,
Daß von dem Thron ein Hauch von Hochſinn weht,
Der in der andern Wohl das eigne ſucht.
Das waren fünfundzwanzig gute Jahre.
Ein Band hat ſich um Fürſt und Volk geſchlungen,
Ein Band von echtem, innigem Vertrauen,
Durchwebt mit alter deutſcher Redlichkeit,
Und mehr als alles, was die Muſen ſchaffen,
Und größte Kunſt, mehr als Regierungskunſt,
Das iſt die Kunſt, die Herzen zu gewinnen:
Heil ſei dem Manne, der auch dieſe übt!
Nun grüß dich Gott, du Ettersberger Linde...
Und auf zur Hauptſtadt! L
Alle. Auf zur Hauptſtadt! auf!
*) Anmerkung Scheffels: S. Goethes Werke VI, 262 (d. i. Maskenzug
zum 18. Dezember 1818. Vers 994—1009].
Scheffel. II. 13
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