Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-1/3
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 3: Frau Aventiure)
[1916]
Seite: 8
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw3/0008
8 Frau Aventiure.

leſend, in moderduftigen Archiven und Büchereien. Das Volk
kennt ihren Namen nicht mehr und fürchtet ſie an manchen Or⸗
ten als Geſpenſt, dem fürſichtige Männer den Übernamen Ro⸗
mantik erfanden und allerlei Gefährliches nachſagen.
Dem Schreiber dieſer Blätter hat ſie ſich verzeigt nach den
denkwürdigen Septembertagen des Jahres 1857, da man in
der Stadt Karl Auguſts die Erzbilder der Heroen enthüllt hatte,
die unſer Jahrhundert mit dem Widerſchein ihres ſonnig freien
Geiſtes durchleuchten. Damals war dem Heimkehrenden ver⸗
gönnt, in dem Sängerſaal der thüringiſchen Landgrafenburg
vor das aus ſchöpferiſcher Seele geborene Wandgemälde zu
treten, in welchem Moriz von Schwind den ſagenhaften Sän⸗
gerwettkampf des Jahres 1207 darzuſtellen verſucht hat. Eine
Betrachtung über die mehr als zufällige Fügung, daß nicht
nur in jener glänzenden Literaturepoche, von deren Feſtfeier
die Nichteinheimiſchen zurückdampften, ſondern ſchon ſechs
Jahrhunderte früher eine frühlingsluſtig emporgedeihende deut⸗
ſche Kunſt von allen Gauen und Enden des Vaterlandes her in
Thüringen wie in einem natürlichen Mittelpunkte ſich ein⸗
niſten und unter eines geiſtig mitempfindenden Fürſten Schutz
zu höherem Fluge die Schwingen entfalten durfte, war in jenen
von Baumeiſter und Maler mit allem Zauber einer geſtaltend
rückwärts ſchauenden Phantaſie verklärten Räumen leicht an⸗
geregt.
Damals gedachte ich: „Hei, wer ſoviel erfahren dürfte und
erführe, daß er mit den halbmythiſchen Schemen dieſer mittel⸗
alterlichen Sänger, ihrem Leben, Fühlen und Dichten ſamt
den ſtarren und treibenden Kräften ihrer Epoche vertraut würde
wie mit Goethes und Schillers klarer Zeit!“ und langſam ehr⸗
würdig, als hätte ſie in einem Erdgeſchoß des Landgrafen⸗
palas weltentrückt wie Kaiſer Rotbart im Kyffhäuſer die Jahr⸗
hunderte verſchlafen, kam auf den Steinſtufen unter der Sän⸗
gerlaube Frau Aventiure emporgeſtiegen und ſprach, dieweil
Lächeln unſterblicher Jugend die Lippen umſpielte: „Vertrau
dich mir, ich führe dich zu jenen!“ .. . Und ſie hat ihr Wort
redlich gehalten und mich mit den Gefährten ihrer Blütetage
bekannt gemacht, daß mir deren Sprache und Kunſt keine fremde
mehr iſt. Manch guten Raſttag hab' ich jenen Findern wilder
Mären gelauſcht, manch guten Wandertag bin ich über Berg
und Tal ihren Spuren, die bis weit an die Donau hinab wei⸗


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