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Vorwort. L 9
ſen, nachgezogen. Man mag von der Kultur des dreizehnten
Jahrhunderts urteilen, wie man will: eine Zeit, die als Mark⸗
ſteine ihrer epiſchen Dichtung auf der einen Seite den Parzival,
auf der anderen das Nibelungenlied, als Zeugnis ihrer Lyrik
hier den gemütreichen Erſtlingstrieb des deutſchen Minne⸗
ſangs, dort das üppige lateiniſche Tirilieren der fahrenden
Schüler hinterlaſſen hat, wird dem Forſcher, auch wenn er nicht
mit ſchwärmender Sehnſucht nach ihr zurückblickt, noch lange⸗
hin Gegenſtand umfangreicher und ergiebiger Unterſuchung
eiben.
Dem Dichter aber, an welchem des Meiſter Fridank Spruch:
„Mein Herz im Traume Wunder ſieht, das nie geſchah und
nimmer geſchieht“ in Erfüllung gegangen, ſei für heute nur
vergönnt, einen Strauß von Liedern, wie er auf der Frau
Aventiure von Mailuſt und Tanzfreude durchwehten Blumen⸗
angern hundertfältig zu pflücken iſt, prunklos und formlos zu⸗
ſammenzubinden, als unvollkommnen, langſamen und ernſten
Studien mit Fiedelklang vorauseilenden Ausdruck aufrichtigen
dankes, den er einem hohen Schirmherrn deutſcher Kunſt
ſchuldet.
Stelle dir vor, geneigter Leſer, in jenen weltlich fröhlichen
geräuſchvollen Tagen, die den asketiſch ſtrengen der heiligen
Eliſabeth vorausgingen, ſei ein ſchriftkundiger Mann, der mit
ritterlichen Sängern und Singerknaben, mit Mönchen, Spiel⸗
leuten und fahrenden Schülern bunten Verkehr hatte, auf den
Einfall gekommen, eine Sammlung von Liedern, wie der Zu⸗
fall ſie ihm zutrug, anzulegen. So du freudigen Sinn haſt für
altertümliche Weiſen, ſo laß dich umſummen von ihrem Getön
und verſetze dich ein Stündlein oder zweie in luftige Träume
im Rundbogenſtil.
Im Frühling 1863.
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