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Wolfram von Eſchenbach. 25
Des eignen Herzens rätſeldunkle Ziele
Entwirren ſich im höfiſch bunten Spiele.
Gewoben hab' ich um die welſchen Mären
Der Heimatſprache ehern Klanggewand
Und hoffe, daß ſie preislich ſich bewähren,
Nicht nur als neugierſtillend leichten Tand.
Als wie ein Schmied, der eine Brünne wirket,
Feſt Draht zu Draht und Ring zu Ringe biegt,
Hab' ich den Reim gemeſſen und gezirket,
Daß ſein Geflecht wie Kettenhemd ſich ſchmiegt,
Und wie ein Schmied errang ich des Gedichtes
Glattformung nur im Schweiß des Angeſichtes.
Nun iſt's getan. In Demut möcht' ich lachen,
Daß ich, ein künſteloſer Rittermann, G
Furchtlos vermaß, ſolch großes Buch zu machen,
Und ſelbſt kaum einen Buchſtab malen kann ...
Doch, wer alsbald mit fühlendem Erfaſſen
Das Lied, das ihm die fremde Zunge ſingt,
Verſteht in eignes Wortgefühl zu paſſen,
Denn wie von ſelbſt der Reim entgegenſpringt,
Der kann als Laie Meiſterſchaft beſitzen,
Weiß er auch keinen Gänſekiel zu ſpitzen.
Dank zoll' ich den geduldigen Scholaren,
Die mir gedient als helfend Schreibgeſind,
Und dir, Wohlredende mit krauſen Haaren,
Jungfräulein Alix, höfiſch feines Kind1*).
Bei Schildesamt, Heerfahren und Soldieren
Kam mein Franzöſiſch nie in guten Stand,
War auch, daß man „Herbergen“ heißt „Loſchieren“
Und andres mehr der Sprache mir bekannt,
Du lehrteſt mich, ſtreng wie ein alter Weiſer,
Die Wortfeinheit und Zucht der Tſchampäneyſer ¹⁵⁶).
O Schaffeluſt, wenn wir in Frühlingstagen,
Selbviert im Burggärtlein uns eingeheckt,
Vor uns die Mären Kyots aufgeſchlagen,
Ein Mauertiſch als Schreibtiſchlein gedeckt:
Dolmetſchend las die Maid uns Zeil' um Zeile,
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