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Reinmar der Alte. 27
Von Goldgrundbildern ſchimmern Rand und Ecken,
Du aber ſprichſt, was lang mein Herz erſehnt:
„Mög' deinem Parzival die Ruhe frommen,
Biderbem Sänger ziemt die Ruhe nicht,
Ein neues Lied iſt uns aus Frankreich kommen,
Das ſchwertſcharf Bahn ſich durch die Heiden bricht:
Uns freut der Völkerſchlacht Getöſ' und Galm,
Nimm hin — und wend Uns deutſch den Willehalm ¹⁹)!“
Reinmar der Alte.
Herbſtſchwermut.
Der Tag verglüht, des Hochwalds Wipfel ſchweigen,
Derweil in goldnem Dunſt die Halde ſchwimmt;
Ich ſteh' am Rain, wo wir den Frühlingsreigen
So oft aus hellſten Kehlen angeſtimmt..
Die Nachtigall ſchlug damals in den Zweigen
Und pries mit uns des erſten Veilchens Blühn,
Und manchen Mund ſah man zum Kuß ſich neigen,
Wenn ſich die Tänzer lagerten im Grün.
Wer küßt ihn heut? Gelb ſind der Blätter Farben,
Die Nachtigall flog aus ins andre Land,
Die Veilchen welkten, und die Frauen ſtarben,
Die klaren Ritter deckt der welſche Sand.
Gebeugt am Stab und wohlgeſchult im Darben
Keuch' ich des Wegs, fahl und ſpätherbſtiglich,
Und niemand weiß Beſcheid, wo Wein und Garben
Gekellert und geſpeichert ſind für mich.
Ich klag' es nicht. — Ich hab' mit meinem Pfunde
Gewuchert wie ein andrer frommer Knecht.
Zwar wuchs nur wenig Korn auf meinem Grunde
Und viel Geblüm zu Strauß und Kranzgeflecht..
Doch mancher dankt mir eine gute Stunde,
Manch goldnen Preis gewann mein Lautenklang
Und manch ein Herz ſchuf meine Kunſt t geſunde.
Wo Reinmar ſingt, da währt kein Jammer lang.
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