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Frau Aventiure.
3. Kirchgang.
Ach, ich kann nicht fürder leben
Ohne deiner Augen Licht,
Finſtre Nacht will mich umgeben,
Schau ich dich, o Herrin, nicht.
Wie die Blumen ſich erquicken
An des Morgens Tau und Schein,
Richtet ſich an deinen Blicken
Neu empor mein welkes Sein.
Ja, dein Aug' iſt meine Sonne,
Und im Schatten lieg ich krank,
Deine Blicke ſind mir Wonne,
Sind mir Labſal, Speiſe, Trank.
So ich früh dir nicht begegnet,
Hat des Tags der Valant Macht;
Dann iſt nur mein Weg geſegnet,
Wenn dein Lächeln mir gelacht.
Sonntag iſt's — Zum Münſter rufen
Alle Glocken mit Geläut,
Doch nur an des Haupttors Stufen
Führet mich der Kirchgang heut;
Als ein Bettler will ich ſtehen
In der andern Bettler Schwarm,
Daß ſich im Vorübergehen
Meine Herrin mein erbarm'.
Hei! der Biſchof predigt lange,
Und zur Kurzweil zähl' ich mir
Alle Heiligen im Gange,
Aller Säulen Bildwerkzier:
Hagre, magre Steingeſtalten...
Sechsunddreißig mögen's ſein...
Doch was ſchiert die alten, kalten
Patriarchen meine Pein?
Orgeltöne nun verhallen,
Und es ſchweigt der Sänger Chor.
Nun die Beter heimwärts wallen,
Zeigſt du endlich dich am Tor;
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