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Frau Aventiure.
Eine Totenfeier.
Anno domini M. C. nonagesimo
septimo decimo Kalendas Novemb.
obiit Ludewicus pius, tertius Thur-
ingorum Landgravius et hic sepultus.
Epitaphium Reinhartsbrunn.
Zu Reinersbrunn im Chor ward einer reinen
Und tapfern Seele heut ein Mal geweiht
Und zu der Ahnen Grabgedächtnisſteinen
Der für den Jüngſtbeſtatteten gereiht.
Die Orgel ſchweigt. Ernſt ſah man aus den Hallen
Der Beter dunkle Scharen heimwärts ziehn,
Nichts regt ſich mehr — nur Weihrauchwölklein wallen
Ums ew'ge Licht gleich Schemen her und hin,
Ich aber lehne noch in ſtiller Trauer
Beim Steingebild an des Gewölbes Mauer.
Fürwahr, du biſt's: Thüringens Herr, der Milde,
So wie du auszogſt auf die letzte Fahrt,
Ob dem vom Reich verliehnen Adlerſchilde
Schwingt hoch die Fauſt dein Banner Sigehard;
Das teure Antlitz, das der Tod uns raubte,
Durch Künſtlerhand lebt's hier zum andernmal ...
Frei ragt die Stirn. Vom unbedeckten Haupte
Fällt königlich der Locken Schwall zu Tal,
Und prunklos kündet, wen dein Schwert geſchlagen,
Die Pilgermuſchel auf des Mantels Kragen.
So ſah ich dich an jenem Tag der Ehre,
Da du uns in die Heidenſchlacht geführt,
Da man den Schildkrach und den Stoß der Speere
Von Akkers bis Damaskus hin verſpürt.
Zu Machmet rief die Turkomanenmeute,
Herr Saladin tat ſelbſt den erſten Streich:
„Hilf, heilig Grab,“ riefſt du, „wir ſtreiten heute
Um unſer beſtes Erb, das Himmelreich ³¹)!“
Die Walſtatt dröhnte, unſre Renner ſchnoben,
Und mit dem Staub war auch der Feind zerſtoben.
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