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Der Vogt von Tenneberg. 49
II.
Ich bin der Vogt von Tenneberg
Und auch von Waldrathauſen
Und pfleg' im Lindenwipfelwerk
Als wilder Falk zu hauſen.
Was ficht der Tuck der Welt mich an
Samt allen Teufelsliſten,
Kann ich, ein frühlingsſeliger Mann,
In reinen Höhen niſten!
O honigſchweres Blütenhaus!
O wunderwürzige Räume!
Die Biene nur ſummt ein und aus,
Sie ſummt mich ſanft in Träume.
Jüngſt aber kam vor meinen Thron
Ein fremder Knab' geflogen,
Kupido, Frauen Venus Sohn,
Mit Köcher, Pfeil und Bogen.
Er rief: „Ich geh' dich kampflich an,
Hagſtolzer Tennbergaere,
Dieweil du dich ſo hoch getan
Und weigerſt mir die Ehre!“
Er ſchoß mit Pfeilen, ſchwirrt' und pfiff,
Als müſſ' ihm Sieg gelingen,
Da tat ich einen feſten Griff
Und packt' ihn an den Schwingen.
Zur Stund' zerging des Unholds Freud',
Ich hielt ihn am Gefieder,
Ich hab' ihn weidlich durchgebläut,
Er kommt mir nimmer wieder!
III.
Das war der Vogt von Tenneberg,
Den Minne nie umfangen.
Mit Weib und Kind ſelbſiebent kommt
Vergnügt er jetzt gegangen.
Scheffel. III. 4
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