Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-1/3
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 3: Frau Aventiure)
[1916]
Seite: 55
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Der Mönch von Banth. 55

Saß ich bei den ausgegrabnen Knochen,
Einen Blick in graue Schöpfungsdämm'rung
Tat ich und andächtigen Sinnes dacht' ich:

„Sei gelobt, Herr Himmels und der Erde,
Der du ſolchen Zeichens mich gewürdigt,
Zeichens von der Erdenſtoffe Wandlung.

Dieſer alſo, deſſen ſteinern Haupt ich
Hier berühre, war ein grimmer Meerdrach,
Ein Serpant von zehen Männer Länge,
Den Geſchlechts vielleicht wie der, den Perſeus
Mit dem Schild Meduſä einſt verſteint hat,
Glich vielleicht im großen der Agypter
Krokodiltier, das der Nilſtrom heget,
Doppellebig, land⸗ wie waſſertüchtig.
Dieſer Boden, drauf ich atmend wandle
Und emporſchau' zu des Mondes Kugel,
War der Grund einſt einer tiefen Meerbucht,
Dieſe Höhe, dieſer Wald, das Kornfeld,
Drauf itzt friedlich Pflug und Pflüger ſchreiten,
Wurde einſt von ſolcher Brut beſchwommen,
Und der Berg, wo aus der Brüder Zellen
Da und dort einſam das Licht noch ſchimmert
Und auf hohem Kloſterturm das Kreuz ragt,
Ward von Gott gerichtet und geſchichtet
Als ein Drachenhünengrab der Urzeit!

So geht alles Irdiſche den Kreislauf
Und beſtändig iſt allein der Wechſel:
Meer wird Fels, und Fels wird Erde. Erde
Nährt als Ackerkrume Baum und Pflanze,
Pflanzenfeuchte wird von Luft geſauget,
Luft wird Wolke, Wolke Regentropfen,
Regentropfen ſtrömt im Fluß zum Meere,
Und ſo iſt, was flüſſig erſt, dann feſt war,
Wieder flüſſig nach Jahrtauſenden,
Und die Woge rauſcht im Ozean,
Der, wie einſt der alte ſeine Drachen,
Itzt des Menſchen buntbewimpelt Schiff trägt,
Bis auch er einſt abläuft und die Menſchheit


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