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Frau Aventiure.
Endlich ſchloß ich ganz mich in die Zelle.
„Laßt den kranken Mann mit den Phantasmen
Einſam kämpfen,“ ſprach der Abt; die Brüder
Schoben täglich durch der Pforte Gitter
Mir den Waſſerkrug, die karge Koſt zu.
Endlich mahnte kein verhaßtes Antlitz
Der Gemeinſchaft mit der Menſchheit draußen,
Und in tiefem Meditieren ſaß ich
Grübelnd ob des Böſen in der Schöpfung,
Ob der Sünde unmeidbarem Peſthauch
Tag für Tag und ſtarrte auf den Schädel,
Auf den ausgewitterten Totenſchädel,
Der des Holztiſchs einz'ge Zierde war.
Denn warum, wie Sonnenlicht und Schatten,
Gut und Böſe in der Welt gepaart iſt,
Und warum trotz innern ſichern Wiſſens,
Das uns ſagt, was Recht iſt und was Unrecht,
Jedem doch die Sünde angeboren:
Dieſes iſt ein ernſtes Weltgeheimnis.
„Heil dir!“ ſprach ich oftmals vor dem Schädel,
Heil dir, ferne, unbekannte Seele,
Deren lang verlaſſenes Gehäuſe
Mich gemahnt, daß du ihn ausgerungen
Den Verzweiflungskampf des Fleiſchs und Geiſtes,
Den wir Erdenleben nennen und aus welchem
Wir als Sieger erſt im Tod hervorgehn.
Wollte Gott, ich ſtünd' am gleichen Ziel ſchon!“
Kirchhofruhig war's in meiner Zelle,
Nach dem Waldgebirge ging das Fenſter,
Und oft wochenlang erſchien dem Auge
Kein befreundet andres. Da begann ich
Schöpfriſch in erfindungsreicher Selbſtqual
Neuen Grames Gegenſtand zu ſuchen,
Und die einzigen erſchaffnen Weſen,
Die mit mir der Zelle Raum belebten,
Waren Mücken. — Alſo, gott⸗ und weltfern
Und empfindlich gleich ſchalloſem Eie L
Wandten alle Unglücksphantaſeien
Auf das Mückenvolk ſich, und ich klagte:
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