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Der Mönch von Banth. 59
„Wehe, weh der ſchweren Herzensſchwere,
Die ich durch die Mücken muß erdulden,
Ich, von Banth der Martermönch Nicodemus.
Morgens ſchon, ſchlüpf' ich in meine Kutte,
Niſten ſie in Saum und AÄrmelfalte,
Und erzürnt, daß ich ihn aufgeſtöret,
Streicht und fleucht der ganze Schwarm ums Haupt mir.
Juſt zur Stunde ſüßen Mittagsſchlummers
Heben ſie das teufliſche Geſumm an
Und turnieren wie die Sarazenen
Wider mich, den harniſchloſen Mann;
Rennen auf den Händen auf und nieder,
Hüpfen auf den Mund, als ſtröm' er Honig,
Tanzen auf des Auges Lid und ſummſen
Höhnend in die Ohren ihr „Wachauf!“ mir,
Tragen ſelbſt nicht Scheu in ihrer Frechheit,
Sich auf meiner Naſe zu begatten,
Und vergeblich zieh' ich die Kapuze
Tief mir in die Stirn und rufe flehend
Aller Heiligen Schutz an. Keiner hilft mir.
Und vergeblich von dem Fuße reiß' ich
Mir die glatte hölzerne Sandale,
Raffe mich vom Schragen und beginne
Einzeln an der Wand ſie zu erſchlagen,
Klipp und klapp! daß ſie zerquetſcht dran haften:
Während oben ich die einen wehre,
Sitzen andre auf dem nackten Fuß ſchon
Und beginnen dort des Beißens Kampfſpiel.
Nächten hebt ſich erſt das rechte Elend.
Such' ich müd den Schlummer, dann beſchwirrt mich
Nach gelöſchtem Licht der Feind von neuem,
Frech und ſicher durch die Dunkelheit. G
Auch die Stechflieg kommt, die große, die ſich
Seither an der Mauerwölbung ſtillhielt.
Gleich dem Geier, der in hohem Bogen
Um ſein Opfer kreiſt, eh' er herabſchießt,
Alſo ſummt ſie langſam an der Decke L
Hin und her mit ſcheußlichem Bremſenziſchlaut,
Und ich darf mich ſicher drauf verlaſſen,
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