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Frau Aventiure.
„Vergelt' dir's Gott,“ ſprach Irregang,
„Wie biſt du fein geſchniegelt!
Nun bleibt mein Mund dem Singeſang
Für alle Zeit verſiegelt!“
Der ſechſte Reigen war getan,
Den Kehraus wollten ſie ſchwingen,
Da huben dem weidlichen Fiedelmann
Die Saiten an zu ſpringen.
„Klipp, klapp, ſchabab! 1 ſprach Irregang,
„Nun ſpann' ich keine andern,
Begnügt euch am Schalmeienklang,
Ich muß noch weiter wandern!“
Die Braut und aller Jungfraun Schar
Geleiteten ihn mit Leuchten,
Und als er am Scheidewege war,
Sein Auge wollt' ſich feuchten.
„Der ſcharfe Wind,“ ſprach Irregang,
Macht mir die Augen weinen,
Es iſt um dieſen Abſchied nicht,
Daß ſie betränt erſcheinen!“
Und als er kam zum Stift am Bach,
Die Stiftsherrn winkten beim Becher:
„Es wettert jach! tu fein gemach!
Verkoſt unſern Sorgenbrecher!“
„Hei Mortnauwein!“ ſprach Irregang,
„Du heilſt viel ſchwere Wunden,
Doch wem das Herz in Wermut ſchwimmt,
Dem mag kein Trunk mehr munden“—
Und als er kam zum Schloß am Berg,
Der Torwart rief vom Turme:
„Wohl her zur Burg! Dein Wanderwerk
Taugt nichts bei Nacht und Sturme!“
„Heil euerm Haus!“ ſprach Irregang,
„Dort ſpielt' ich in beſſern Tagen,
Doch wenn die letzte Saite ſprang,
Wird's ſchwierig, Laute zu ſchlagen.“
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